20 Jahre danach bat die Volksstimme Menschen, die im gesellschaftlichen Leben stehen, über ihren persönlichen Mauerfall zu berichten. Zum Abschluss der Reihe sprach die Redaktion mit Dr. Reinhard Creutzburg, damals Pfarrer an der St. Petrikirche – dem Ort, an dem in Stendal alles begann.

Stendal. " Wer sich an die Wende in Stendal und deren Anfänge erinnert, kommt an Erika Drees nicht vorbei. " Pfarrer Dr. Reinhard Creutzburg, inzwischen im Ruhestand, war im Februar 1989 mit seiner Familie aus dem Sächsischen nach Stendal gezogen. Im April, auf einer Tagung zum Gedenken an die Tschernobyl-Opfer im Stendaler Domstift, ist er der Ärztin und Bürgerrechtlerin das erste Mal begegnet. " Nach den Wahlfälschungen im Mai und dem Massaker in Peking im Juni ", erinnert er sich, " setzten wir uns zusammen und beschlossen : Wir müssen hier in Stendal wieder Friedensgebete fest installieren. " Auf dem Balkon des damaligen Pfarrhauses an der Kurtschatowstraße, heute Einsteinstraße, entwickelte er mit Erika Drees und Ingrid Fröhlich die Liturgie für diese Friedensgebete.

Am Donnerstag, 20. Juli 1989, versammelte sich eine kleine Gruppe von 15 bis 20 Christen zum ersten Stendaler Friedensgebet in der Petrikirche. Das setzte sich an jedem dritten Donnerstag im Monat fort. Im September, als die Gruppe nach dem Gebet noch im Petri-Gemeinderaum zusammenkam, informierte Erika Drees über das Neue Forum, dessen Mitbegründerin sie war. Als im Oktober die Leipziger massenhaft auf die Straße gingen und sich auch die Petrikirche immer mehr füllte, wurden die Friedensgebete auf jeden Donnerstag ausgedehnt.

" Der Kern unserer Liturgie stand unter dem Motto ‚ Zeugnisse der Betroffenheit ‘", blickt Reinhard Creutzburg zurück. " Wir gaben das Mikrofon für jeden frei, der sich artikulieren wollte, ob über den Verfall der Innenstadt, die Umweltzerstörung oder die Missstände im Bildungswesen. Mir bleibt noch heute die Stimme weg, wenn ich daran denke, mit welchem Mut die Leute sprachen. Sie gingen ein großes Risiko ein, denn im Oktober ‘ 89 war noch längst nicht klar, wohin das Ganze führte. "

Sie hat den Menschen Raum zur freien Rede, die Möglichkeit, Dampf abzulassen gegeben – das ist nach Auffassung von Reinhard Creutzburg das, was die Kirche zur Wende beigetragen hat.

An einem der Oktober-Donnerstage gingen die Wendebewegten auf die Straße. Als ökumenische Prozession zogen sie von der Annen- zur Petrikirche. " Und sie kamen unbeschadet an, uns fiel ein Stein vom Herzen ", sagt Creutzburg, noch heute erleichtert. Denn die Stasi war allgegenwärtig. Dass es genaue Teilnehmerzahlen der Donnerstags-Gebete gibt, Informationen darüber, wer wann worüber geredet hat, " verdankt " die Chronik der Wende in Stendal den Stasi-Spitzeln, deren Berichte sich in Erika Drees ‘ Akte fanden. " Das ist schon kurios, sonst wüssten wir das gar nicht ", lächelt Creutzburg.

Ende Oktober wurde die Petrikirche zu klein. Am 2. November öffnete sich der Dom für die Friedensgebete. Eine Woche später, am Donnerstag, 9. November, verkündete Pfarrer Eberhard Simon im überfüllten Gotteshaus die Nachricht des Tages. Die Mauer war gefallen.

Wie die Leute im Dom das aufnahmen, darüber gehen die Meinungen derer, die dabei waren, auseinander. Reinhard Creutzburg ist sich seiner Erinnerungen sicher : " Sie haben erst einmal Luft geholt. Dann brach der Beifall los. "