In über 60 Städten allein in Deutschland protestieren Studenten gegen schlechte Studienbedingungen im Allgemeinen und gegen die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen im Speziellen. Auch Hochschüler aus Stendal sind mit von der Partie gewesen beim gestrigen Aktionstag. Die Beteiligung der Kommilitonen allerdings entsprach nicht den Hoffnungen der Demonstranten.

Stendal. Die Morgensonne scheint über dem Stendaler Hochschulcampus. Vom Himmel – und in Form eines Songs von " Ton, Steine, Scherben " aus dem Lautsprecher, der neben der kleinen Bühne auf einer Wiese zwischen den Lehrgebäuden aufgebaut ist. Da, wo sonst bestenfalls einmal eine Decke ausgebreitet wird, um in einer Pause in einem Buch zu lesen, sind bunte Zelte aufgebaut, auf den Holztischen von Festzeltgarnituren stehen Thermoskannen und Reste vom Frühstück.

" Das System ist

völlig verschult "

Seit kurz nach sieben sind fast alle auf den Beinen. Alle von denen, die hier übernachtet haben. Jetzt werden die letzten Transparente auf dem Campus verteilt, an Unentschlossene verteilen die Aktivisten Flugblätter, die ebenso von einem örtlichen Copy-Shop spendiert worden sind wie die Brötchen von einem Bäcker.

Und auch die Hochschule unterstützt den Protest : Professoren und Dozenten nutzen Veranstaltungen, um mit den Studenten über den Streik zu diskutieren. Im Audimax spricht beispielsweise gerade Dr. Rolf Horak über den von ihm selbst ersonnenen " Akademischen Darwinfnken " : Jenen Wissenschaftler also, die sich wie die Darwinfnken auf den Galapagosinseln im Pazifk auf eine einzelne Spezialität festlegen. Was bei den Finken die Nahrung – das bei den Nachwuchswissenschaftlern das Wissen. Anne Wienhold studiert im vierten Semester Rehabilitationspsychologie und erklärt : " Das System ist völlig verschult, seit es von Diplom- auf Bachelor- und Masterstudiengänge umgestellt worden ist. " Ebenso von Beginn an an der Organisation des Protests beteiligt ist ihr Kommilitone Martin Kallenbach. Er erklärt die Kritik an der Verschulung des Studiums : " Es ist keine Zeit mehr, sich individuelle Studienschwerpunkte zu setzen. Und auch nicht, um sich wie nur zu oft nötig, mit einem Job nebenbei das Studium zu f - nanzieren. "

Das allerdings scheinen nicht alle der über 1200 Studenten an der Stendaler Hochschule so zu sehen. An den Vorbereitungen haben sich nur wenige beteiligt, auf der Wiese übernachtet haben 20, in Horaks Vorlesung sitzen 40. Anne Wienhold begibt sich auf Ursachensuche : " Zum einen ist es natürlich so, dass wir alle schon mitten in dem System drinstecken und viele einfach nicht den Freiraum haben, hier ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen. " Auf der anderen Seite sind aber auch jene, die sich anscheinend im Bachelor-System wohl fühlen. Die entgegnen den Protestlern, dass sie keinen Grund sehen, gegen das Studiensystem mit kostenloser Bildung aufzutreten. " Das spricht natürlich zum einen für unsere Hochschule, die angesichts ihrer überschaubaren Zahl von Studierenden noch ein menschliches Lernen zulässt, wo es noch nicht zu anonym zugeht ", meint Anne Wienhold. Auf der anderen Seite spräche das aber vor allem für mangelnde Solidarität für jene, die sich beispielsweise ohne Hinzuverdienstmöglichkeit angesichts überstraffer Stundenpläne ein Studium nicht leisten könnten oder die mehr als nur den vorgeschriebenen Studienstoff wollen. Martin Kallenbach : " Mir graut schon davor, wenn solche Menschen in Zukunft in Politik und Wirtschaft über andere entscheiden sollen. "

Unabhängig von zaghafter Unterstützung durch das Gros der Studenten : Der Protest läuft. Sichtbar auf dem Campus mit Transparenten, mit Musik, einer Marxlesung, Filmen, Diskussionen, Vorträgen und einem Grillabend gestern und weiteren Gesprächen in den regulären Lehrveranstaltungen bis zum Ende dieser Woche.

Tino Mattes studiert Rehabilitationspsychologie im vierten Semester und ist Mitglied im Fachschaftsrat. Er sagt : " Seit zwei Wochen bin ich bei der Organisation dabei und war zuständig, mit den Dozenten unseren Protest zu besprechen. Und ich muss sagen : Ich bin positiv überrascht, wie groß die Unterstützung von den Professoren, Dozenten, vom Prodekan und von der Hochschulverwaltung ist. So gibt es alternative Vorlesungen, und auch dass wir die Wiese nutzen können, ist sicher nicht selbstverständlich. " Tobias Wenzel, Kommilitone von Tobias Wenzel, kritisiert die geringe Beteiligung am Protest : " Aber dieser Schritt, dass die Bildung zu einer Ware wird, ist in vielen Köpfen einfach noch drin. Und natürlich haben sich viele einfach schon daran gewöhnt, sind abgestumpft. Sagen Sie mal einem Affen im Zoo, dass er sich von außen ein Bild von seinem Käf g machen soll. "