Die Veränderungen zwischen Marienkirche und Winckelmannplatz zeigen sich derzeit vor allem oberirdisch. Aber auch unter der Erde steht Stendals Altstadt baulich noch einiges bevor. Der Regenwasserkanal unter der Bruchstraße muss saniert werden. Dabei könnte ein Verfahren aus Japan zur Anwendung kommen.

Stendal. Der Uchtekanal unter Stendals Altstadtstraßen könnte die perfekte Kulisse für einen spannenden Untergrundkrimi hergeben: Finstere Kanalisation, so groß, dass man darin stehen kann, morastig, hier und da bröselig und verwittert ...

Spannend findet auch Axel Gehlhaar das, was er unter Stendals Bruchstraße vorfindet: ein ungewöhnlich geformtes, ungewöhnlich großes Kanalprofil (siehe Abbildung). 1,55 Meter breit und 1,70 hoch ist das Rohr, mit dem zum Ende des 19. Jahrhunderts die Uchte unterirdisch kanalisiert wurde. "Das sind Dimensionen, die uns so noch nicht begegnet sind", staunt der Prokurist eines Magdeburger Ingenieurbüros, das sich um die Sanierung des Regenwasserkanals bewirbt.

Doch so interessant das Bauwerk auch ist, so sehr bedarf es einer Erneuerung. Die Schäden an dem 260 Meter langen Abschnitt zwischen Breiter Straße und Ostwall sind nur allzu deutlich: "Wir haben hier eine Vielzahl von nicht fachgerecht eingebauten Stutzen, Innenkorrosion, verstopfte Zuläufe, Abplatzungen an der Rohrwand und Längsrisse, die wir beunruhigend finden", erläuterte Gehlhaar jüngst vor dem Stadtentwicklungsausschuss.

Bauen, ohne den Boden aufzureißen

Eine offene Operation an dem Kanal – der auch das Regenwasser von den öffentlichen Verkehrsflächen und den angeschlossenen Grundstücken in der nördlichen Altstadt aufnimmt – sei angesichts fehlender Tragfähigkeit des Baugrunds nicht zu empfehlen. Darum bewirbt sich das Ingenieurbüro um den Auftrag zur Sanierung mit einem Spezialverfahren aus Japan, bei dem formbarer Kunststoff in den Untergrund geführt wird.

"Spiral Pipe Renewal" (Wickelrohr-Erneuerung) nennt sich das Verfahren, bei dem ein PVC-U-Profil mit Hilfe einer Wickelmaschine zu einem Wickelrohr geformt, zusammengefügt und verpresst wird. Das passt sich dann der bestehenden Rohrform an. Zwischen diese etwa eineinhalb Zentimeter dünne Kunststoffwand und das alte Betonrohr käme noch ein Spezialzement, der für ausreichend Tragfähigkeit sorgt. Das Ganze hat dann eine Dicke von zehn Zentimetern. Der verringerte Durchmesser würde allerdings durch eine erhöhte Durchflussgeschwindigkeit aufgrund der glatteren Innenwand wettgemacht, so Gehlhaar.

"Es wäre der erste Anwendungsfall für nicht kreisrunde Profile in Deutschland", sagt Gehlhaar. Die Vorteile: geringe Bauzeit, keine offene Baugrube und fast halb so teuer wie mit Fertigelementen. Das Ganze soll eine Lebensdauer von 50 Jahren haben; in Japan sei dieses Verfahren seit 20 Jahren im Einsatz.

Die Wickelrohrmaschine werden die Stendaler allerdings wohl erst 2011 zu Gesicht bekommen, wenn mit der Sanierung der Bruchstraße begonnen werden soll. Und auf jeden Fall werden Straße und Kanal schrittweise saniert.

Bei den Arbeiten am Verbindungsstück der Breiten Straße von der Fußgängerzone gen Norden liege man derweil im Zeitplan, wie die Stadt gestern auf Volksstimme-Nachfrage mitteilte. Nach dem Setzen der Bordsteine werde nun mit dem Fahrbahnpflastern begonnen. Der Gehweg an der Bruchstraße vor dem Kaufhaus Ramelow soll Anfang Juni fertig sein. Die Arbeiten an dem gesamten ersten Bauabschnitt werden voraussichtlich bis Anfang August dauern.

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