Durch Bürgerarbeit sollen 578 arbeitslose Oschersleber eine größere Chance bekommen, eine Arbeit zu finden. Nach der sechsmonatigen Aktivierungsphase, in der 51 von ihnen Arbeit gefunden haben, nehmen jetzt nach und nach bis zu 180 nicht vermittelte Bürgerarbeiter eine Tätigkeit in der Landschaftspflege und im sozialen Bereich auf. Das Bethanien-Pflegeheim der Johanniter hat zehn Bürgerarbeitsplätze bei der Agentur für Arbeit bewilligt bekommen; die zehn Ein-Euro-Jobber sind ausgeschieden.

Oschersleben. Seitdem ihr Sohn vor gut zehn Jahren geboren wurde, schlägt sich Nancy Anders mit Gelegenheitsjobs und staatlicher Unterstützung durch. Die junge Frau ist alleinstehend und hat keinen Führerschein – schlechte Voraussetzungen für einen festen Arbeitsplatz.

Die gelernte Fachverkäuferin für Backwaren hat in der halbjährigen Aktivierungsphase der Bürgerarbeit Bewerbungen geschrieben und Vorstellungsgespräche trainiert. Dass sie danach im Pflegeheim anfängt, konnte sie ein bisschen selbst bestimmen: "Es stand die Wahl zwischen Grünpflege und sozialem Bereich. Ich hatte schon ein Praktikum beim DRK, bei dem ich prima mit den Leuten klar kam. So entschied ich mich für den Sozialbereich", erzählt sie. Offenbar war das richtig: "Ich bekomme nur positive Rückmeldungen", strahlt die junge Frau nach dem ersten Arbeitsmonat.

Das Schmücken des Wohnbereiches und der Zimmer, Pflege der Grünpflanzen, Vorlesen, Briefe schreiben, Wege für die Bewohner erledigen, Begleitung beim Spaziergang, Hilfe beim Essen, Fahrten zum Arzt oder ins Krankenhaus – die Palette der betreuenden Tätigkeiten für die Bürgerarbeiter ist breit. "Für Pflege setzen wir die Bürgerarbeiter nicht ein, dürfen es auch nicht, nur für Betreuung", unterstreicht Kerstin Odenbach, die Leiterin von "Bethanien".

Dabei sind die Bürgerarbeiter für die Bewohner ebenso wichtige Bezugspersonen wie die pflegenden Mitarbeiter. Deshalb war die Trauer groß, dass mit dem Auslaufen der Ein-Euro-Jobs auch die vertrauten Hilfskräfte gehen mussten. "Einige von ihnen, die jetzt wieder arbeitslos sind, überbrückten ehrenamtlich die Zeit, bis die Bürgerarbeiter kamen. Insgesamt hat es weniger Probleme mit dem Wechsel der Bezugspersonen gegeben als befürchtet", zieht Kerstin Odenbach ein Resümee.

Sie ist erfreut, dass sich aus der Zahl der vom Jobcenter vorgeschlagenen Bürgerarbeiter sieben Frauen und zwei Männer fanden, die ebenso wie Nancy Anders mit Einfühlungsvermögen und Engagement auf die Bewohner eingehen.

Beim Modell Bürgerarbeit bleibt für das Heim die Unsicherheit, dass während der Laufzeit der zehn Bürgerarbeitsplätze bis zum 14. Januar 2014 sowohl die Schulung der Frauen und Männer weitergeht als auch das Bewerben um einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Glückt der Sprung, rückt ein neuer Bürgerarbeiter nach; dann müssen sich die Bewohner wieder neu orientieren. Was den vielen Demenzkranken besonders schwer fällt. Aber Bürgerarbeit zielt nun einmal darauf ab, Langzeitarbeitslosen den Weg in "richtige" Beschäftigung zu ebnen.

Dafür gibt es aber auch im Bethanien-Heim Chancen. Sie konkret anzubieten, ist nach vier Wochen zu früh. Grundsätzlich aber stellt Kerstin Odenbach auf einer frei gewordenen Stelle lieber jemanden ein, der sich schon als Bürgerarbeiter bewährt hat als einen Fremden. "Es ist möglich, ohne weitere Qualifizierung als Pflegehilfskraft zu arbeiten. Um als Altenpflegehelferin zu arbeiten, ist eine Qualifikation nötig", nennt sie zwei Möglichkeiten.

Mut macht die Heimleiterin Nancy Anders aber auch mit der Chance, eine berufsbegleitende und sogar vom Arbeitsamt förderfähige Qualifizierung zu absolvieren, nach der sie als zusätzliche Betreuungskraft für Demenzkranke eingestellt werden könnte. Aber auch dafür müssen die Bedingungen im Heim stimmen, denn die Heimleitung ist auf die Finanzierbarkeit der Leistungen aus den Pflegesätzen angewiesen.

Vorstellen kann sich Nancy Anders gut, im Heim zu bleiben. Die Bewerbungen, die sie schreibt, beruhen allerdings auf ihrem gelernten Beruf als Verkäuferin. Ob die Bürgerarbeit ihre Chance auf einen Job steigert, bleibt abzuwarten – die Perspektiven für ein neues Berufsfeld sorgen jedenfalls mit dafür, dass sie mit ansteckender Fröhlichkeit ihre (Bürger-)Arbeit verrichtet.