Oschersleben / Nevada. Diana Hoerth ist auf Heimatbesuch. Das was einige vom Internat oder dem Arbeitsplatz im fernen Bundesland her kennen, wird für sie zu einer echten Weltreise, denn sie hat dafür ganze 15 000 Kilometer, einen Ozean und einige Flughafenkontrollen zu überwinden. Diana nämlich lebt mit Gatten Ryan und Sohn Halen im US-Bundesstaat Nevada, der Heimat ihres Mannes. Hierhin hat es sie vor zweieinhalb Jahren verschlagen, wobei der Beginn der Geschichte nicht nur wie Werbung für eine internationale Gemeinschaft, sondern auch nach dem Stoff für einen Roman-Bestseller klingt : Junge Deutsche, auf Wochenendtrip in Holland, trifft US-Amerikaner in einem Fahrstuhl.

Das ganze geschah in den Februartagen des Jahres 2005, nachdem sie mit zwei Freundinnen zu einem Wochenendtrip nach Amsterdam aufgebrochen war. In einem Hostel, das in Mehrbettzimmern Leute aus aller Welt beherbergte, drängten sie sich in den Fahrstuhl, als ein junger Mann fragte : " Do you speak English ?" Und auch wenn Diana dieses durchaus mit " ja " hätte beantworten können, fiel das Wort zunächst an eine ihrer Begleitungen. " Ihr Englisch war damals nicht das Beste ", erinnert sich Ryan schmunzelnd, " was sie aber für mich nur noch interessanter machte. Sie beendete damals ihre Sätze oft mit, Dingsbums’ oder, du weißt schon’. "

Dennoch funktionierte die Kommunikation. Und das gegenseitige Sympathieempfinden ließ sie übereinkommen, dass der Abschied des Wochenendes nur ein vorläufiger bleiben sollte. Ryan, der sich mit einem Kumpel auf Europatour befand, plante das Ende seiner Reise so, dass sie einen Stopp in Oschersleben und damit ein erstes Widersehen zuließ. Und spätestens bei dem anschließenden Gegenbesuch in den USA wuchs die Gewissheit, füreinander da sein zu wollen, nebst der Idee, ein gemeinsames Leben zu beginnen. Was nun folgte war ein langer Weg der Bürokratie, des Wartens und der Ungewissheit, an dessen Erlösung sich Diana noch gut erinnert : " Als ich dann in Frankfurt am Main endlich meinen Bescheid in die Hand gedrückt bekam, musste ich weinen. Und alle im Wartesaal dachten : Mist, die hat es nicht bekommen. "

Angekommen ist sie im Wüstenstaat des Südwestens jedenfalls nicht nur aufgrund der behördlichen Meldung, nein, auch beruflich konnte die gelernte Verwaltungsfachangestellte Fuß fassen : " Das ist hier irgendwie einfacher hineinzukommen. " Außerdem gab es im Dezember des Vorjahres mit Söhnlein Halen auch den ersehnten Nachwuchs, der im Moment der ganze Stolz der jungen Familie ist und sich prächtig entwickelt. Auf die Frage, was ihr in den Staaten denn besonders gefalle, nennt sie spontan die Offenheit und Zugänglichkeit der Menschen, bei der ihrer Meinung nach die Deutschen in der Regel den Kürzeren zögen. Und dann gibt es ja noch diese kleinen Nebensächlichkeiten : " Na ja, irgendwie liebe ich auch das kitschige Weihnachtsfest ".

Selbst wenn sie sich auf derlei Fragen etwas entlocken lässt, merkt man, dass ihr ein Schubladendenken fern liegt. Und freilich gibt es auch einige Dinge, die ihr fehlen. So weiß sie, wie schwer es ist, einen echten Freundeskreis aufzubauen, womit es nicht verwundert, dass es die bekannten Gesichter von Familie und einigen Freunden sind, die sie auf die Frage nach dem, was sie denn vermisse, als erstes nennt – gefolgt von " echtem Brot " oder dem Grün der Heimat. Denn selbst wenn man sich vor Ort bemüht, die Stadt zu bepflanzen : die Farbe der Wüstenregion bleibt braun und gewöhnungsbedürftig.

Vielleicht aber tauscht sie die Farben einmal wieder gegen die der Kindheit und Jugend ein. Darauf, wo sie die Familie in Zukunft sehen, wollen sich Diana und Ryan jedenfalls nicht festlegen. Beide halten sich den Weg nach Europa bzw. Deutschland offen und werden Halen mit beiden Sprachen aufwachsen lassen. Das ist eben das Schwierige wie Schöne an der Chance der offenen Welt – und darauf, mehrere Zuhause haben zu können.