Druckfrisch präsentierten Ulrich Hauer, Leiter des Haldensleber Museums, und sein Kollege Thomas Ruppel aus dem Bördemuseum Burg Ummendorf die neue Jahresschrift der Museen des Landkreises Börde. Am Montagabend ging es vor allem um die Wegwarte, die Blume des Jahres 2009, und ihre besondere Bedeutung für den Magdeburger Raum.

Haldensleben. Thomas Ruppel, einer der Autoren der neuen Jahresschrift, nahm die Zuhörer, die sich im Grimm-Zimmer des Haldensleber Museums eingefunden hatten, mit in eine Zeit, in der es den Bohnenkaffee, wie er heute getrunken wird, noch nicht gab. Allerdings habe man im 17. und 18. Jahrhundert Kaffee getrunken wie heute Mineralwasser, meinte Ruppel. Türkischer Bohnenkaffee war nicht für alle möglich, so wurde nach Kaffeeersatz gesucht. Man habe wohl so ziemlich alles ausprobiert – Eicheln, Eckern, Feigen, Kerne von Weintrauben ...

Irgendwann sei man dann im 18. Jahrhundert auf die Wurzelzichorie gekommen. Die Wurzelzichorie, eine aus der Wegwarte gezüchtete Kulturpflanze, soll Überlieferungen zufolge zuerst in Arnstadt angebaut worden sein. Zugeschrieben wird diese Neuerung Johann David Timme, von 1723 bis 1764 Hofgärtner am Gräflich-Schwarzburgischen Hof.

Schon bald aber wurde die Zichorie in der Börde heimisch. Der Anbau von Wurzelzichorien war für die Bauern interessant, denn sie mussten die Feldfrüchte nicht selbst verkaufen. Geschäftsleute haben das übernommen, sie haben ihnen die Ernte abgekauft. Ruppel sprach von 20 bis 40 Zichoriendarren in den Dörfern um Magdeburg. Der Magistrat von Magdeburg hatte 1792 per Kabinettsorder festgelegt, dass in der Stadt – wegen der Brandgefahr – keine Darren betrieben werden durften. Allerdings gibt es nur sehr wenig Material über diese Zeit.

An der Forcierung des Zichorienanbaus in der Börderegion soll auch Johann Gottlob Nathusius beteiligt gewesen sein, und zwar noch zu der Zeit als der Industriepionier in Magdeburg wirkte, hatte Thomas Ruppel ermittelt. Immerhin sollen zwei Drittel der deutschen Produktion von Zichorien aus dem Magdeburger Raum gekommen sein. Die Aufhebung der Zollschranken 1818 und Gründung des Zollvereins 1834 unter preußischer Führung erschlossen noch größere Absatzgebiete.

Ende des 19. Jahrhunderts bekam die Zichorienindustrie Konkurrenz durch den Malzkaffee, der aus gemälztem und anschließend geröstetem Getreide hergestellt wurde. In den 1950 er Jahren war es endgültig aus mit den Zichoriendarren.

Er habe sich zum ersten Mal mit der Wegwarte und Zichorie beschäftigt, als er im November 1992 ins Bördemuseum nach Ummendorf kam, erinnerte sich Thomas Ruppel. Da gab es eine Ausstellung über Kaffee und Ersatzkaffee, dann sei er bei der Vorbereitung der Ausstellung " Als die Börde boomte ", zu der es auch ein gleichnamiges Buch gibt, wieder darauf gestoßen. Die Zichorie habe immer hier immer ihren Platz gehabt, aber keine wirtschaftlich tragende Bedeutung.

An Hand von deutschen und französischen Erzeugnissen zeigte er auf, dass es auch heute noch einige Fabrikationen aus oder mit Zichorien gibt.

Mehr über diese besondere Zeit ist in der Jahresschrift nachzulesen, die auch weitere Beiträge aus den Regionen des Landkreises Börde enthält. Erhältlich ist sie in den Museen des Landkreises.