Großer Besucherandrang am Donnerstagabend beim 9. Oschersleber Werkstattgespräch in der Matthias-Claudius-Haus-Stiftung. Mehr als 100 Zuhörer wollten von Konrad Felber, Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde Dresden, erfahren, wie der Staatssicherheitsdienst die DDR-Bürger bespitzelte.

Von Mathias Müller

Oschersleben. Unter dem Thema " Stasi früher und heute – War doch alles nicht so schlimm ?", hatten die Organisatoren am Donnerstagabend zum 9. Oschersleber Werkstattgespräch in die Matthias-Claudius-Haus-Stifung eingeladen. " Wie ist es einem selbst ergangen ?", stellte zu Beginn seines Referates Konrad Felber, Leiter der Außenstelle Dresden der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, die eine Frage, die die Besucher in der Mensa der Claudius-Haus-Stiftung nur für sie selbst beantworten konnten. " Das Thema lässt Raum für vielerlei Betrachtung ", entschuldigte sich Felber gleich zu Beginn, an diesem Abend nicht alle Facetten der Stasi-Spitzelei am eigenen Volk beleuchten zu können.

Felber, Mitbegründer des Neuen Forums und Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR und später kurzzeitig des Bundestags, bezeichnete es als Fehler des Runden Tisches, erlaubt zu haben, dass sich die Abteilung HVA ( Auslandsaufklärung ) der Stasi selbst auflösen durfte. " Da gingen wichtige Informationen verloren, die uns heute fehlen ", bedauerte er.

Auf den früheren Kreis Oschersleben bezogen sagte Stasi-Aufklärer Felber, dass die Kreisdienststelle für Staatssicherheit in den Jahren vor der Wende 1989 von Oberstleutnant Alois Niepel befehligt wurde. In der Oschersleber Dienststelle habe es 43 hauptamtliche Mitarbeiter und 443 Inoffizielle Mitarbeiter gegeben. Zielobjekte ihrer Spitzelarbeit waren vor allem der Grenzbereich zur BRD, die Pumpenfabrik Oschersleben, die Montanwachsfabrik Völpke, das Elektromotorenwerk Oschersleben, das Armaturenwerk Hötensleben, der Tagebau Harbke / Helmstedt, die Zeugen Jehovas und das Volkspolizei-Kreisamt. " Da hat wohl ein Genosse dem anderen nicht getraut ", veranschaulichte Felber die Überwachungsmanie der Staatssicherheitsleute. Allein 1983 habe es 2359 Treffen mit den Inoffiziellen Mitarbeitern mit ihren Führungsoffizieren gegeben. Es seien etwa 5000 schriftliche Spitzelberichte entstanden. Von den 279 Metern an Akten, die aus der Kreisdienststelle der Staatssicherheit Oschersleben nach der Auflösung der Stasi gerettet werden konnten, seien nach Felbers Worten 97 Prozent erschlossen.

" Von der Staatssicherheit geht heute keine Gefahr mehr für die Gesellschaft aus ", antwortete Konrad Felber nach seinem Vortrag auf eine Zuschauerfrage. Jedoch haben sich nach seiner Einschätzung " alte Stasi-Seilschaften in dem neuen System bestens organisiert ". Wobei es mehr die hauptamtlichen Mitarbeiter gewesen seien, die ihre Kontakte genutzt hätten, um in die Wirtschaft einzusteigen. Die meisten der Inoffiziellen Mitarbeiter würden bis heute ihre Stasi-Dienste verschweigen.

Die Arbeit der Birthler-Behörde sehe Felber als " einen Reinigungsprozess in der Gesellschaft " an. Die Stasi-Unterlagen-Behörde versuche, Unrecht zu bereinigen und das Herrschaftswissen der Täter zu brechen. " Die Einsicht in Stasiunterlagen bringt auch die Einsicht, dass man immer noch die richtigen Freunde hat ", beschrieb er einen wichtigen Aspekt der Akteneinsicht, die Betroffene bei der Behörde beantragen können. " Jedes Informationsbedürfnis der Betroffenen wird befriedigt ", versicherte Stasi-Jäger Felber.

" Ihre Behörde muss so lange weiter bestehen und arbeiten, bis der letzte kleinste Schnipsel an Unterlagen aufgearbeitet ist. Die Akten dürfen nicht geschlossen werden ", forderte der Oschersleber Werner Mormann. Dem pflichtete Konrad Felber bei und sagte, die Stasiunterlagen-Behörde werde aus seiner Sicht mindestens noch die nächsten zehn Jahre bestehen bleiben. Sie werde sich selbst auflösen, wenn die Arbeit getan ist.