Wernigerode l Die Wände sind mit dunklem Holz vertäfelt, die Plüschsofas sind rot, und die Lichtschalter müssen gedreht, nicht gedrückt werden. Das Ambiente in der "Villa Uhlenhorst" soll bis ins Detail stimmen, erklärt Gerlinde Heim. Die Inhaberin des Hauses hat viel Zeit, Energie und Geld investiert, um die Herberge in der ehemaligen Fabrikantenvilla der Hasseröder Papierfabrik so herzurichten, wie sie zu Gründerzeiten ausgesehen haben könnte. Am Ostersonnabend feiert die Wirtin die Eröffnung ihrer historischen Pension.

Bis dahin müssen noch Möbel gerückt und letzte Arbeiten erledigt werden. Vier Jahre haben die Instandsetzung und der Innenausbau des historischen Gebäudes gedauert. Für die 43-Jährige geht mit der "Villa Uhlenhorst" ein lang gehegter Traum in Erfüllung. Die gelernte Erzieherin hat nach ihrer Ausbildung eine zweijährige Weltreise mit dem Fahrrad unternommen und danach in Eigenregie Radreisen veranstaltet. Außerdem begeistert sie sich für Historisches und verkauft auf Mittelaltermärkten. Bis sie im Fernsehen eine Dokumentation über das Leben um 1900 sah. "Ich war total begeistert." Auf der Suche nach einem Haus, in dem sie ihre Pläne umsetzen konnte, stieß sie auf die Villa in Wernigerode - für Gerlinde Heim, die zwölf Jahre in Goslar gelebt und "den Harz lieben gelernt" hat, ein Glückstreffer.

In der alten Fabrikantenvilla mussten Gerlinde Heim und ihr Partner Thorsten Hampel bei Null anfangen. "Als wir herkamen, war das Haus leer - bis auf das Klavier und zwei Kronleuchter", berichtet die Inhaberin. Das Inventar hat sie auf Flohmärkten, im Internet und in ganz Europa zusammengesucht. Wie es in der Villa früher ausgesehen hat, weiß sie nicht. "Wir haben in Archiven und Museen gesucht, doch es gibt keine Unterlagen mehr."

Diese seien 1990, nachdem die Treuhand die Papierfabrik an eine französische Firma verkauft hatte, verloren gegangen. Lediglich zwei Baugenehmigungen aus den 1930er und 1980er Jahren konnte Gerlinde Heim aufspüren. "Wir hoffen, dass es vielleicht noch Wernigeröder gibt, die mehr über die Geschichte des Gebäudes wissen, über Fotos oder Unterlagen verfügen und sich bei uns melden", sagt sie. Das wenige, was bekannt ist, hat der Wernigeröder Heimathistoriker Hermann Dieter Oemler zusammengetragen. Die Villa wurde demnach 1901 gegenüber der Hasseröder Maschinen-Papier-Fabrik für den jeweiligen Direktor erbaut. Mitte der 1930er Jahre kaufte der Wernigeröder Rechtsanwalt Jacob Momsen das Gebäude. Dieser ließ an beiden Pfeilern das Reliefbild einer Eule samt der Aufschrift "Uhlenhorst" anbringen. "Dieses existiert aber nicht mehr", sagt Gerlinde Heim. Nach dem Tod Momsens 1961 blieb das Haus in Privatbesitz und wurde in mehrere Wohnungen aufgeteilt. "Wir wurden von zahlreichen Wernigerödern angesprochen, die als Kinder dort gelebt oder auf dem Gelände gespielt haben", sagt Gerlinde Heim.

1993 sollte im Haus ein Studentenklub eingerichtet werden, doch der Plan scheiterte an verschiedenen Auflagen und an den geplanten Öffnungszeiten. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte das Haus als Bordell "Kirschen", das 1997 für etwa ein Jahr in der Villa untergebracht war. "Am Hang gegenüber war ein Aussichtspunkt der Spanner", sagt Gerlinde Heim lachend. In den alten Bäumen um das Haus plant sie nun, Baumhäuser anzulegen.