Beim Leerräumen von Büros sind im Rathaus drei Bücher entdeckt worden, die eine große Bedeutung für die Geschichte Wernigerodes haben: das verschollen geglaubte Gästebuch von 1955 bis 1990 sowie zwei Ehrenbücher mit dem Titel "Tusch der Woche" (1986-1989). Die Harzer Volksstimme hatte Gelegenheit, darin zu blättern.

Wernigerode. Jahrelang schlummerten sie verstaubt und vergessen zwischen alten Akten: Drei Bücher, die für Wernigerodes Stadtgeschichte von großer Bedeutung sind. Erst die Vorbereitungen auf die große Volkszählung 2011 brachten sie wieder ans Tageslicht. "Wir haben für den Zensus zwei ungenutzte Büros komplett leergeräumt", berichtet Andreas Meling, Pressechef der Stadtverwaltung. In einem Regal entdeckten Rathausmitarbeiter zufällig die verschollen geglaubten Bücher.

Eines davon ist das Gästebuch der Stadt Wernigerode mit Eintragungen aus den Jahren 1955 bis 1990. Laut Andreas Meling eine Sensation. "Seit ich bei der Stadtverwaltung arbeite, habe ich mich gefragt, ob dieses Gästebuch noch existiert." Es seien mehrere Eintragungen aus jener Zeit bekannt gewesen, aber vom Verbleib des alten Gästebuches wusste im Rathaus niemand.

"Es ist zwar etwas klein, aber nett gemacht"

Und nun liegt es vor Andreas Meling. "Es ist zwar etwas klein, aber nett gemacht", so sein Eindruck. Der erste Eintrag stammt von Abgeordneten des Obersten Sowjet: "Wir wünschen der Bevölkerung der Stadt Wernigerode großen Erfolg im Aufbau des neuen Staates der Arbeiter und Bauern." Dann folgen eine Abordnung aus China, Touristen aus Usbekistan, eine französische Gruppe aus Lothringen, eine andere aus Sambia. Und immer wieder russische Namen, die in dem Buch verewigt wurden. Interessant ist ein Vermerk vom 31. August 1957. Damals beteiligten sich einige Düsseldorfer bei einer Art Demonstration in der bunten Stadt. Also Gäste aus dem damaligen "Feindesland" "Möge uns die Kundgebung einen Schritt weiter auf dem Weg zur Deutschen Einheit bringen", schrieben sie nieder. Und das mehr als 30 Jahre vor der Wende.

Erst in den 60er Jahren wurden verdiente Bürger der Stadt mit einem Eintrag ins Gästebuch geehrt. So zum Beispiel Musikpädagoge Prof. Friedrich Krell als Ehrenpreisträger der Stadt, Museumsleiter Karl Üblacker und Schriftsteller Fritz A. Körber, Chorleiter Karl Bock oder der Stadtverordnete Karl Freydank. Der erste Beleg der Städtepartnerschaft Carpi (Italien) - Wernigerode findet sich auf den Seiten des Jahres 1964. Im gleichen Jahr war damals der Partnerschaftsvertrag unterzeichnet worden. In den Jahren darauf finden sich etliche Einträge von Vertretern aus Carpi. "Zu der Zeit gab es wohl viele gegenseitige Besuche", vermutet Meling. 1970 widmete der Rat der Stadt dem verstorbenen Genossen Emilio Sacchi (1944 bis 1970) sogar einen Eintrag samt Foto.

Seit 1974 unterschrieben die Träger des neu vergebenen Kultur- und Kunstpreises im Buch, darunter wieder Prof. Friedrich Krell, aber auch Heinz Zeiske, Erwin Harz, Dr. Rolf Lukowski und Friedrich Steimecke.

Prominente verewigten sich ebenfalls. Darunter die erfolgreichen Harzer Rennrodler Norbert Hahn und Reinhard Bredow, der sich 1972 für den Empfang nach den Olympischen Winterspielen in Sapporo bedankte, der Kosmonaut Siegmund Jähn sowie die Handballer des SC Magdeburg.

Am 17. November 1989, also kurz nach der Maueröffnung, stattete eine Schülerdelegation aus der neuen Partnerstadt Neustadt an der Weinstraße Wernigerode einen Besuch ab – nicht ohne im Gästebuch zu unterzeichnen. Vertreter aus Neustadt waren es übrigens auch, die ihren Harzer Freunden das nächste Gästebuch schenkten. Dieses ist inzwischen ebenfalls gut gefüllt und wird sicher im Büroschrank von Andreas Meling verwahrt.

"In ordentlicher Verwaltung geht nie etwas verloren"

Der Rathaus-Mitarbeiter hat aber noch zwei weitere Bücher vor sich. "Die wenigsten erinnern sich wahrscheinlich an den ¿Tusch der Woche‘. Oder doch?" Zwischen 1986 und 1989 wurden verdienstvolle Bürger mit dem "Tusch" – einer Gemeinschaftsaktion von Rat der Stadt und Volksstimme – geehrt, "um Fleiß und Engagement jener Wernigeröder zu würdigen, die mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass sich Einwohner und Gäste in unserer Stadt immer wohl fühlen", stand dazu in der Volksstimme vom 22. April 1986. Vorschläge für diese Auszeichnung konnten damals Leser einreichen – ganz ähnlich wie bei unserem "Vobi der Woche", der einmal wöchentlich von der Volksstimme verliehen wird. Alle "Tusch"-Preisträger wurden ins Rathaus geladen, wo sie einen Blumenstrauß und ein Glas Wein erhielten und sich in das "Tusch"-Ehrenbuch eintragen durften. Zu den Ausgezeichneten gehörten u. a. Kurt Fricke, Rolf Abel, die Studenten der Agraringenieurschule und Günther Bredwitz.

"Wirklich schade, wenn sie nie wieder aufgetaucht wären", sagt Andreas Meling mit Blick auf die historisch interessanten Bücher und setzt augenzwinkernd hinzu: "In einer ordentlichen Verwaltung geht eben nie etwas verloren."

   

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