Verboten schön: Schlafmohn ist an einigen Stellen in Wernigerode aufgeblüht. Aus den prächtigen Pflanzen kann Rauschgift hergestellt werden. Deshalb wird das Gartenamt das Blumenmeer abmähen lassen.

Von Julia Bruns

Wernigerode l "Es ist schon schade", sagt Frank Schmidt. Wernigerodes Gartenamtsleiter wird seine Kollegen anweisen müssen, eine blühende Mohnwiese in der Straße Im Stadtfelde abzumähen. Dabei, so sagt Schmidt, bereichern die Blumen den natürlichen Lebensraum von Insekten und sind ein sommerlicher Farbtupfer im sonst eher kargen Straßenbild.

Mohn ist nicht gleich Mohn, weltweit gibt es etwa 120 Arten in der Familie der Mohngewächse. Bei der Mohnsorte, die auf einem städtischen Grundstück an der Holtemme wächst, handelt es sich um Papaver somniferum - zu deutsch Schlafmohn. Volksstimme-Leser Hartmut Kemmer hatte die violettblühenden Pflanzen, aus denen Opium und Heroin hergestellt wird, entdeckt und fotografiert. "Es ist ungewöhnlich, diese Pflanze im Stadtgebiet anzutreffen. Zumal etwa 200 Meter entfernt flussaufwärts an der Holtemme ein Kinderspielplatz ist", schreibt er an die Redaktion. "Sollte das wirklich Schlafmohn sein, ist die Pflanze nicht ungefährlich."

Richtig ist: Der Anbau von Schlafmohn ist in vielen Staaten verboten. In Deutschland unterliegt er strengen Regeln. So stellt das Mohnfeld im Stadtfelde einen Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz dar, weil keine Genehmigung vorliegt. Dieser kann laut Gesetzestext mit bis zu fünf Jahren Haft und/oder Geldstrafe geahndet werden. Die Stadtverwaltung will den Mohn nach dem Hinweis aus der Volksstimme-Redaktion abmähen, "um Frieden einkehren zu lassen", wie Frank Schmidt sagt. "Da die Samen noch nicht gereift sind, konnte der Schlafmohn sich nicht vermehren."

Er schließt aus, dass jemand die Samen absichtlich dort gesät hat. Wahrscheinlich wurde die Saat von einer Halberstädter Baufirma in die Stadt gebracht. "Mit Sicherheit waren die Samen in dem Ackerboden, den die Firma nach den Schachtungsarbeiten im Stadtfelde aufgefüllt hat", so Schmidt. Auch im Gewerbegebiet "am Smatvelde" ist der Schlafmohn nach Erdarbeiten des gleichen Unternehmens aufgetaucht und muss nun von den Grünamtsmitarbeitern beseitigt werden.

Gefährlich seien die Pflanzen für Spaziergänger und Kinder derweil kaum. "Würde man in die unreife Kapsel beißen, spuckt man sie schnell wieder aus, weil sie so bitter ist", sagt Frank Schmidt. Erst durch das gezielte Anritzen der unreifen Mohnkapsel und das Trocknen des weißen Milchsaftes könne Rohopium gewonnen werden, aus dem später Heroin hergestellt werden kann. Laut Schmidt ist Schlafmohn übrigens die landwirtschaftlich ergiebigste Mohnsorte. Vor dem Zweiten Weltkrieg und in der DDR war er deshalb weit verbreitet. Mittlerweile ist der Anbau von Papaver somniferum in Deutschland genehmigungspflichtig - auch als Zierpflanze. Selbst der private Anbau auf Kleinstflächen fällt unter diese Pflicht.

Blumenwiesen mäht Frank Schmidt normalerweise nicht kahl. "In unserer fast totgeblühten Naturlandschaft finden Insekten wie zum Beispiel Bienen kaum noch Blüten. Deshalb lassen wir städtische Wiesen besonders in den Randgebieten groß werden und ausblühen, das bereichert unsere Natur."

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