"Oh, das ist ja traurig!" - Mit solchen Reaktionen werden Einwohner von Elend und Sorge nicht selten konfrontiert, wenn sie von ihrem Heimatdorf sprechen. Dabei bedeuten ihre Ortsnamen ursprünglich nichts Negatives.

StadtOberharz l Nomen est Omen - der Name ist Programm. Aber so ist es nicht immer. "Den Menschen in Elend ging es nicht immer schlecht", versichert Hobby-Heimatforscher Karlheinz Brumme und lacht. "Als die Ortsbezeichnungen vor 800 bis 1000 Jahren entstanden sind, ging es den Menschen in Gebirgsorten zwar nicht gut, aber das war auch in Bayern nicht anders. Die Namen beziehen sich jedenfalls nicht darauf."

Brumme, ein gebürtiger Benneckensteiner, ist Vorsitzender des Harzklub-Zweigvereins in Elend. Bei seinen Touren informiert er Wanderer nicht nur über die Geografie und die Geschichte des Harzes, sondern auch über die Herkunft der Ortsbezeichnungen. "Die Namen sind überwiegend aus dem Althochdeutschen und aus dem Latein entstanden. Sie bezeichneten geografische Besonderheiten oder beziehen sich auf Pflanzen", erläutert Brumme.

Bei Orten wie Tanne ist das bis heute deutlich. Eine größere Herausforderung ist es da schon, den Ursprung von Braunlage zu erkennen, was soviel wie "brauner Wald" meint. Wofür Mandelholz steht, ist ebenfalls vielen ein Rätsel. "Das bedeutet nichts anderes als Fichtenwald", sagt Brumme. Der 77-Jährige erläutert: "Im Laufe der Jahre haben sich Laute verändert, Worte wurden abgewandelt oder zusammengezogen. Die Bezeichnungen können heute etwas ganz anderes bedeuten, als zu dem Zeitpunkt, als sie entstanden sind."

Das gilt auch für Elend. "Es gibt verschiedene Ansätze, wie der Begriff entstanden ist", sagt Karlheinz Brumme. Wahrscheinlichste Möglichkeit: Es ist eine Ableitung vom althochdeutschen "Alilati". "Das heißt so viel wie Ausland", übersetzt Brumme. "Elend war früher von mehreren Klostergebieten umgeben, gehörte aber zu keinem. Woher man also kam, Elend war das Ausland."

Sein Wissen hat der Lehrer, der Ausbildungen zum Gärtner sowie zum Eisenbahner für Betriebs- und Verkehrtsechnik absolvierte, aus der Literatur. Vieles eignete er sich an, als er eine Chronik verfasste. "Der Harz hat mich schon immer interessiert und da es für Elend keine Chronik gab, kam ich auf die Idee, eine zu schreiben." Mehr als 300 gedruckte Seiten umfasst sein Buch über die Menschen, Besonderheiten und die Geschichte Elends.

Heutzutage werden bei dem Begriff Assoziationen zu Kummer und Trauer geweckt. Ein Umstand, der Gewerbetreibende 1924 für eine Umbenennung ihres Ortes plädieren ließ, wie in Brummes Annalen zu lesen ist. Man habe sich so einen Anstieg der Urlauberzahlen erhofft. Überregional und international wurde dazu aufgerufen, einen neuen Namen zu suchen.

Zwar wurde durch die Aktion die Ortsbezeichnung nicht geändert, dafür steigerte sich der Bekanntheitsgrad des Dorfes immens. "Elend" ist zu einem regelrechten Markenzeichen geworden.

Für Inge Winkel (parteilos) käme eine Umbennennung ihres Oberharzortsteils ebenfalls nicht infrage - auch wenn ihr das bereits vorgeschlagen wurde. Sie ist Bürgermeisterin in Sorge und führt regelmäßig Besucher über das Gelände des Freilicht-Grenzmuseums. "Sätze wie `Das ist ja ein trauriger Name.` bekomme ich öfter zu hören", berichtet die 64-Jährige.

Dabei stammt die Ortsbezeichnung von dem Wort "Zarge" ab und bedeutet lediglich Grenze. "Und das passt doch gut. Wir waren schon immer ein Grenzort", so Inge Winkel. "Der Name ist eigentlich positiv für uns - er macht Touristen neugierig und das können wir nutzen."