Kinogänger haben die Volks-Lichtspiele in Wernigerode wiederentdeckt. Das Traditionskino an der Salzbergstraße erlebt dank moderner Technik seine Renaissance.

Wernigerode l Die Volks-Lichtspiele in Wernigerode haben aufgerüstet. Kinogänger können neue Filme in 3-D sehen und profitieren von einem modernen Soundsystem in Dolby Digital. "Die Leute sind begeistert", sagt Silke Schmidtke. "Wir haben sehr viele Kunden wiedergewonnen, die nicht mehr in die großen Kinos nach Halberstadt und Goslar fahren." Manche seien 15 Jahre lang nicht mehr in den Volks-Lichtspielen gewesen und hätten das alte Traditionshaus nun wiederentdeckt.

Vorbei sind die Zeiten, in denen Filmvorführer Andreas Becker die 15 Kilo schweren Filmrollen auf das Abspielgerät hievte. Die aktuellen Streifen kommen auf Festplatte und werden vom digitalen Projektor auf moderne Leinwände mit spezieller Silberbeschichtung geworfen. Dem dreidimensionalen Filmvergnügen steht nichts mehr im Weg.

Familie Becker, die die Volks-Lichtspiele seit 1989 betreibt, hätte sich die Geräte nicht leisten können. Das Kino hat Andreas Beckers Mutter Leni deshalb im Frühjahr an die Gebäude- und Wohnungsbaugesellschaft Wernigerode (GWW) verkauft, die den Erhalt sichern will und die Umrüstung finanziert. Leni Becker ist seitdem Pächterin des mehr als 100 Jahre alten Kinos. "Meine Mutter ist leider sehr krank", sagt Becker, der von Silke Schmidtke und ihrer Schwiegertochter Linda Schmidtke beim Betrieb des Kinos unterstützt wird.

In jedem Dorf ein Kino

Becker erinnert sich noch gut an seine Kindheit, als seine Eltern in Schierke ein Kino führten. "Zu DDR-Zeiten gab es noch in jedem Ort ein Lichtspielhaus." Das Kino in der Salzbergstraße war damals Sitz der Kreisfilmstelle. "Dort wurden auch Filme gezeigt. In Wernigerode gab es außerdem die Capitol-Lichtspiele im Stadtgarten." In den 1990er Jahren fiel das Haus Randalierern zum Opfer und brannte 1997 restlos aus. "Vor der Umstellung hatten wir mit den Besucherzahlen zu kämpfen", sagt Silke Schmidtke. Je später ein Film ins Kino kam, desto weniger Leute haben ihn noch sehen wollen. "Die Menschen, die uns all die Jahre treu geblieben sind, haben entscheidend zum Erhalt der Volks-Lichtspiele beigetragen. Ohne sie würde es uns vielleicht nicht mehr geben." Am 21. Juni, dem ersten Tag mit der neuen Technik, habe sie 34 Besucher gezählt, sagt Silke Schmidtke. Mittlerweile stünden Filmfans an manchen Tagen Schlange. "Erst am 26.August hatten wir 170Gäste", sagt die Wernigeröderin. "Ein Sommerloch gab es dieses Jahr nicht."

Auf der Webseite www.kino-wernigerode.de präsentiert sich das Lichtspielhaus zeitgemäß, auch auf Facebook finden Kinofans alles rund um das Haus, das erstmals 1909 als Filmtheater erwähnt wurde.

Filme sofort im Programm

"Seitdem wir die neue Technik haben, hat sich auch unsere Wartezeit bei den Verleihern verkürzt", sagt Silke Schmidtke. Musste sie vorher sechs bis acht Wochen auf die neuesten Streifen warten, kann sie die Filme heute bereits zum Erscheinungstag ins Programm nehmen. "Wir nehmen gerne Wünsche unserer Kunden entgegen", sagt sie. "Ansonsten entscheiden wir spontan, welche Filme laufen." Ihre Schwiegertochter Linda Schmidtke bedient die neue Technik. Sie wurde mehrere Tage lang in die komplizierte Bedienung eingewiesen. "Ich war komischerweise nie ein Kinogänger", sagt die gelernte Verkäuferin.

Auf noch eine Neuerung dürfen sich Cineasten in Wernigerode freuen. "Ab dem 16. September gehört die Kneipe nebenan zum Kino dazu", sagt sie. Pächter des "Green Monkey" ist Andreas Adelsberger. "Besucher können dann bei uns ihre Eintrittskarten kaufen, vor oder nach der Vorstellung noch ein Glas Wein trinken", sagt er. Derzeit befindet sich die Kneipe im Umbau.

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