Wenn zum Jahresende die Familie zusammenkommt, wird gegessen und gefeiert. Bei Dieter Fuhrmann und Ursula Zilling aus Wernigerode leben die Traditionen ihrer alten Heimat Niederschlesien. Diese mussten beide vor 70Jahren als Kinder verlassen.

Wernigerode l Wie ein richtiges niederschlesisches Festessen auszusehen hat, das weiß Ursula Zilling genau. "Blaubeeren und Hefeklöße gehören dazu", erinnert sich die 75-Jährige. Seit 1956 lebt Ursula Zilling in Wernigerode, doch die Rezepte, die mit ihrer alten Heimat verbunden sind, hält sie nicht nur zu den Feiertagen in Ehren.

Ursula Zilling stammt aus Freystadt. Heute heißt das Städtchen auf polnisch Kozuchow. Ihre Familie erbte ein Grundstück im nahe gelegenen Zölling. Heute heißt das Dorf Solniki, und wie es dort ausgesehen hat, weiß Ingrid Zilling noch. "Ich habe immer wieder unser Zuhause gemalt", sagt die 75-Jährige. Von dem Familiengrundstück ist ihr nur das handschriftliche Testament des Großvaters geblieben. "Auch das Familienstammbuch konnten wir retten", sagt Ursula Zilling. Die Familie musste ihre Heimat verlassen, wie Tausende andere, die zur Jahreswende 1944/45 flohen oder später vertrieben wurden. Die Dinge, die Ursula Zilling und ihre Nächsten mitnehmen konnten, hält sie bis heute in Ehren. "Ich werfe nichts weg, was aus Niederschlesien ist."

Mit sechs Jahren geflohen

Das tut auch Dieter Fuhrmann nicht. "Die Kiste, in der wir unsere Sachen mitgenommen haben, steht bis heute in der Garage", berichtet er. Der Vorsitzende des örtlichen Bundes der Vertriebenen (BdV) stammt aus Breslau. 70 Jahre ist es her, dass er die niederschlesische Hauptstadt mit seiner Familie verlassen musste. Fuhrmann war damals sechs Jahre alt.

Sein Vater erlitt in Stalingrad einen Lungendurchschuss, nach der Rückkehr sollte der Feldwebel Soldaten aus Breslau begleiten, bevor die Stadt zur Festung wurde. Zugleich organisierte er die Flucht der Familie. "Für uns Kinder war es ein Abenteuer, weil wir keine Bombenangriffe erlebt haben", sagt Fuhrmann. Auch in Dresden, wo die Familie ebenfalls Quartier nahm, entgingen die Fuhrmanns dem alliierten Beschuss durch Zufall. "Wir waren gerade aus der Stadt heraus, als die Bomben fielen", erinnert sich der 76-Jährige.

Ursula Zilling und ihre Familie hingegen sahen das Inferno im Februar 1945 mit eigenen Augen, konnten sich dann ins Erzgebirge durchschlagen. "Und von dort ging es wieder zurück", sagt die 75-Jährige - die Flüchtlinge glaubten, sie könnten in ihre Heimat zurückkehren. In Görlitz wurden sie jedoch nicht mehr über die Neiße gelassen. "Wir sind zunächst in der Lausitz geblieben, weil meine Mutter glaubte, dass wir doch noch zurückkehren können", sagt Ursula Zilling. Als sie 18 Jahren alt war, zog sie in den Harz um.

Seit Jahrzehnten ist Ursula Zilling Wernigeröderin, pflegt aber die Erinnerung an ihre alte Heimat. "Das sind meine Wurzeln. Das vergisst man nicht", sagt die 75-Jährige. Jedes Jahr unternimmt sie mit anderen ehemaligen Freystädtern eine Tour nach Niederschlesien. Auch Dieter Fuhrmann besucht immer wieder seine Heimatstadt, in der von den Zerstörungen des Krieges kaum noch etwas zu sehen ist. Er möchte gerne seinen Kindern und Enkeln seinen Herkunftsort nahebringen. "Interesse kann man nur wecken, wenn man mit ihnen dorthin fährt", weiß er aus Erfahrung.

Himmelreich mit Klößen

Ein anderer Weg führt über die traditionelle Küche. Schlesisches Himmelreich etwa ist ein Gericht, das aus Rauchfleisch und Backobst besteht: "Das gab es bei uns immer", sagt Ursula Zilling. Dazu gehören Klöße, auf schlesisch Kließla. "Das Besondere zu Weihnachten und Silvester waren die Mohnbrötchen", erinnert sich Dieter Fuhrmann. Das Backwerk mit Mandeln, Rum und Mohn war damals verhältnismäßig kostspielig. "Das konnten sich die Leute nur einmal im Jahr leisten."

Bei Hochzeiten wurde immer ein Stück vom Kuchen aufgehoben und in der Nachtischschublade aufbewahrt. "Wenn es nicht schimmelt, ist die Ehe gut." Bei seinen Eltern habe das funktioniert, erklärt Fuhrmann. An all das können sich nur noch wenige erinnern."Wenn wir nicht mehr da sind, erfahren die Jüngeren nichts mehr. Wir sind die letzten."