Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar Schläge: Die Schüler der Liv-Ullmann-Förderschule haben das in der Öffentlichkeit schon mehrfach erlebt. Was sie dagegen tun können, das zeigte ihnen am Montag Polizist Holger Oppermann.

Wernigerode l Es ist nur ein Spiel. Aber wie schnell daraus Ernst werden kann, das merkten die Schülerinnen und Schüler der Wernigeröder Liv-Ullmann-Schule für Geistigbehinderte am Montagvormittag am eigenen Leib. "Der heiße Stuhl" hieß das Spiel: Einer sitzt auf dem Stuhl und wird von seinen Mitschülern beleidigt und beschimpft. Wie gesagt, nur ein Spiel: Es geht darum, die eigenen Gefühle kennenzulernen, sich in den anderen hineinzuversetzen und Selbstbeherrschung zu lernen. Die meisten Delinquenten auf dem heißen Stuhl fanden es lustig, nur ein Mädchen verlor kurzfristig ihre Gelassenheit. "Es hat in mir gekocht", berichtete sie anschließend.

Auch wenn es nur eine Simulation war, die der Wernigeröder Polizist Holger Oppermann und Lehrerin Evelin Marx mit rund 20 der insgesamt 73 Ullmann-Schüler spielten, hatte sie doch einen sehr realen Hintergrund. Im September waren mehrere Schüler an einer Bushaltestelle tätlich angegriffen, geschlagen und getreten worden, einer musste sogar ins Krankenhaus. Die Schüler haben richtig reagiert, die Schule angerufen und Hilfe geholt, sagt Lehrerin Marx. Noch wichtiger sei, solche Situationen zu vermeiden oder sich im Falle einer drohenden Auseinandersetzung richtig zu verhalten. Deshalb die Einladung an Polizist Oppermann, der mit den Schülern einen Kurs zum Thema "Selbstbehauptung" absolvierte.

Im Kursus waren vor allem ältere Schüler, die schon alleine in der Stadt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind. "Wir wollen ihr Selbstbewusstsein stärken", sagt der stellvertretende Schulleiter Thomas Fischer. Dazu gehört natürlich auch, Situationen richtig einzuschätzen, Streit aus dem Weg zu gehen, sich gegenseitig beizustehen und, genauso wichtig, Vertrauen zur Polizei zu haben.

Das zumindest hat funktioniert. Regionalbereichsbeamter Oppermann war am Montag nicht das erste Mal in der Liv-Ullmann-Schule. Die Schüler hatten mächtig Spaß im Kursus, waren aber intensiv bei der Sache und haben, so Oppermanns Einschätzung am Ende, einiges gelernt. Der nächste Besuch des Polizisten in der Schule wurde bereits vereinbart, und seine Einladung an die Schüler, mal in der Wache vorbeischauen, wird nicht vergeblich gewesen sein.

Außer dem Vorfall im September seien ihm keine weiteren tätlichen Angriffe auf Ullmann-Schüler bekannt, sagte Oppermann. Auch Beleidigungen seien bislang nicht angezeigt worden. Die kommen aber vor, sagten Schüler im Kurs.

Lehrerin Marx bestätigte das. Sie fährt oft unerkannt mit dem Bus. Und was sie da Schüler anderer Schulen über ihre Schützlinge sagen hört, sei mitunter ganz schlimm. "Das ist ein gesellschaftliches Problem", meint sie. Sie hat sich nun vorgenommen, diese Schüler gezielt anzusprechen und mit ihnen über ihr Verhalten zu reden. Aber nicht alle Jugendlichen sind so. Mit dem Gerhart-Hauptmann-Gymnasium und der Musikschule gab es bereits verschiedene gemeinsame Projekte. "Wir wollen, dass unsere Schüler viele verschiedene soziale Beziehungen erleben", sagt Evelin Marx. Der Umgang Behinderter mit nichtbehinderten Menschen hilft am Ende auch, Konflikte zu vermeiden.

Bilder