Knapp 29 Jahre nach der Explosion im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 sind manche Regionen weiter radioaktiv belastet. Das hat Folgen für bestimmte Nahrungsmittel wie Waldpilze und Wild.

Halberstadt/Magdeburg l Ein Korb voller Pilze - Hallimasch, Steinpilze, Maronen - wer würde da nicht Appetit bekommen? Das kulinarische Vergnügen kann jedoch ungewollte Nebenwirkungen haben. Wenn man es mit dem Verzehr von Waldpilzen mengenmäßig übertreibt. Ein Hinweis, den Pilzsachverständige wie Klaus Gregor aus Tanne generell geben und den sie mit Blick auf einige Gebiete Sachsen-Anhalts ganz besonders unterstreichen. Der Grund dafür ist einfach: Die Explosion des Meilers im Atomkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986.

"Auch wenn die Katastrophe mittlerweise fast drei Jahrzehnte her ist, sind Pilze mitunter immer noch recht stark radioaktiv belastet", unterstreicht Klaus Gregor. Und dabei gebe es große regionale Unterschiede. Während die Harzer weitgehend gefahrlos durch ihre Wälder ziehen können, sollten Pilze aus der Altmark oder der Region Havelberg eher mit Vorsicht genossen werden. "In der Altmark haben wir 2014 Maronen gefunden, deren radioaktive Belastung deutlich über dem EU-Richtwert lag", so der 75-jährige frühere Oberförster und Pilzsachverständige (siehe nebenstehende Übersicht).

Fakten, die Martin Groß aus Magdeburg bestätigt. Groß ist Vorsitzender der Landesvereinigung der Pilzsachverständigen und zugleich im Referat Lebensmittelüberwachung des Sozialministeriums tätig. "Wir wollen auf gar keinen Fall Panik machen oder etwas dramatisieren - Pilzesammler sollten den Fakt der radioaktiven Belastung aber stets im Hinterkopf haben", so der Experte. Wer es ganz genau wissen möchte - auch bezogen auf Messwerte, Pilzarten und Fundstellen - sollte auf der Internetseite des Verbandes nachsehen.

Die Messwerte, die dort präsentiert werden, sind Resultate aus dem Landesamt für Umweltschutz. "Zusammengetragen werden diese mithilfe unserer landesweit aktiven Pilzsachverständigen", präzisiert der 75-jährige Klaus Gregor. In Sachsen-Anhalt beraten derzeit 82 Experten in 65 Orten Pilzesammler. "Im Rahmen eines landesweiten Monitoring-Programms erhalten wir von den Pilzsachverständigen Proben, die dann im Landesamt für Umweltschutz hinsichtlich der radioaktiven Belastung getestet werden", erklärt Ingelore Kamann von der Kreisverwaltung die Abläufe.

Mit Blick auf die Resultate berichten Klaus Gregor und Martin Groß über einige grundsätzliche Fakten: Für den Harz könne im Prinzip Entwarnung gegeben werden. Wenn überhaupt, seien fast immer vor allem Maronen stärker radioaktiv belastet. Warum gerade diese Pilzsorte so viel radioaktive Cäsium 137 speichern kann und damit zum Indikator in Sachen Strahlenbelastung werde, sei allerdings ein Rätsel, so das Experten-Duo.

Die regionalen Unterschiede zwischen dem Harz sowie dem südlichen Teil des Landes als geringer belastete Areale einerseits und Havelland und Altmark mit stärkerer Kontamination andererseits seien leicht erklärbar: "Bei der Explosion in Tschernobyl wurden große Menge radioaktiver Nuklide in die Luft geschleudert. Der Wind verteilte sie weiträumig, lokale Niederschläge sorgten dann dafür, dass die Substanzen recht punktuell niedergingen und in den Boden gelangten", erklärt Gregor. Von dort gelangen sie in die Pilze oder in Wildtiere. Er kenne Fälle - beispielsweise aus Bayern und dem Vogtland - wo Wildbret kontrolliert und aus dem Verkehr gezogen worden sei.

Bei den Pilzen sieht Klaus Gregor im Wald zwischen Müggenbusch, Kümmernitz und Vehlgast nördlich und südöstlich von Havelberg eine lokal begrenzte Cäsium-137-Höchstbelastung mit weit über 1000 Bequerel pro Kilogramm "Solches Sammelgut darf nicht in den Lebensmittelverkehr", stellt er klar. Aber: "Der Trend ist insgesamt günstig, aber gerade im Norden Sachsen-Anhalts immer noch relativ hoch", sagt Gregor. Sein Tipp an Pilzesammler: "Es sollten möglichst Mischpilzgerichte mit weniger als 50 Prozent Maronenanteile verzehrt werden. Zugleich sollte die monatliche Verzehrmenge an Frischpilzen ein Kilogramm nicht überschreiten." Das gelte übrigens auch für Freiland-Frischpilze (Wildpilze aus dem Wald) die im Handel angeboten werden.

Weitere detaillierte Informationen auf der Internetseite des Landesverbandes der Pilzsachverständigen und Pilzberatung/Merkblätter (Themenkreis 3): www.lvps.de