André Müller ist Tätowierer in Wernigerode. Um seinen Beruf ranken sich Vorurteile und Klischees. Welche stimmen, was gegen die Schmerzen beim Stechen hilft und warum der Künstler selbst nicht so farbenfroh wie seine Kunden ist, hat er der Volksstimme verraten.

Wernigerode l Seine Kunden liefern sich ihm völlig aus. Sie müssen ihm viel Vertrauen entgegenbringen - er zeichnet sie fürs Leben. Nur ein kurzes Zucken in den Händen, und sie sind entstellt. André Müller ist Tätowierer. Ein Beruf, für den es in Deutschland keine Ausbildung gibt und der mit einigen Vorurteilen behaftet ist.

Verbindungen in zwielichtige Milieus oder eine Gefängnis-Vergangenheit sind nur einige Vorurteile, die sich Tätowierer - nach dem Klischee selbst von Kopf bis Fuß mit bunten Bildchen "zugehakt" - herumschlagen müssen.

André Müller kann darüber nur lachen. Trotz T-Shirt und kurzer Hose ist an seinem Körper kein Tattoo zu sehen. Er betont: "Wer von dem Job leben möchte, muss sich organisieren können und diszipliniert sein. Eigentlich ist es ein Beruf, wie jeder andere", sagt der 32-Jährige. Und wie in jeder anderen Branche sei es ein Wagnis, in die Selbstständigkeit zu gehen. Bleiben die Kunden aus, gibt es kein Geld, ebenso wenig, wenn man krank wird oder Urlaub einlegen möchte. "Existenzängste hat man ständig", gibt Müller zu. Zumal er eigentlich ein Mensch sei, der viel Wert auf Sicherheit lege.

"Ich habe auch alles so stechen lassen, dass es durch Kleidung verdeckt werden kann."

Daniel Geist, Wernigerode

Wieso hat er sich dann dafür entschieden, Tätowierer zu werden? "Eigentlich eine völlig wahnsinnige Idee", sagt er und lacht. "Ich habe einen `richtigen` Beruf gelernt und zehn Jahre in einer Grafikfirma gearbeitet", berichtet der Ilsenburger. Als er jedoch häufig Freunde begleitete, die sich tätowieren ließen, wuchs sein Interesse an dem Berufswechsel. Er erkundigte sich in Studios, wie die Farbe unter die Haut kommt, welche Techniken es gibt und welche Besonderheiten das "Arbeitsmaterial" menschliche Haut hat. Schaute erfahrenen Hautkünstlern über die Schulter.

Seine Eltern und seine Freundin sind eigentlich keine Fans der gestochenen Bilder. "Aber sie haben mich von Beginn an unterstützt", sagt André Müller. Seiner Mutter durfte er sogar einen Schmetterling stechen.

Seit vier Jahren ist Müller mittlerweile selbständig und hat sich schnell einen guten Ruf aufgebaut. Wenn er Termine vergibt, stehen die Menschen Schlange vor seinem Studio "Amesia" in der Wernigeröder Innenstadt. Obwohl er an fünf bis sechs Tagen die Woche arbeitet und sich nur selten Urlaub gönnt, ist die Warteliste lang.

Zu seinen Stammkunden zählt Daniel Geist. Seine Füße, Arme, Brust und sein Bauch sind mit Motiven verziert. Das erste, ein Tribal, ließ sich der Wernigeröder bereits mit 17 Jahren stechen. Für seine Familie völlig okay - Mutter, Vater und Schwester tragen ebenfalls den Körperschmuck. "Bislang hatte ich noch nie Probleme wegen der Tattoos", berichtet der Mechatroniker. "Aber ich habe auch alles so stechen lassen, dass es durch Kleidung verdeckt werden kann."

Denn noch sind Vorurteile gegenüber Tätowierten verbreitet, berichtet André Müller. Ein unüberlegtes Tattoo, das beim Vorstellungsgespräch sichtbar ist, könnte der Karriere einen Strich durch die Rechnung machen. Er rät seinen Kunden deshalb, sich genau zu überlegen, welches Motiv sie wohin haben möchten. "Am besten Stellen, die man auch selbst nicht ständig sieht", so sein Tipp.

Manche Wünsche lehnt er völlig ab. "Zum Beispiel Namen vom Freund oder der Freundin steche ich nicht", sagt er rigoros. Dennoch sind Namen, Schriften, Blumenmotive und Totenschädel ganz oben auf der Hitliste der Motivvorstellungen. Nicht immer stoßen sie beim Tätowierer auf Gegenliebe. "Ich rede dann mit den Kunden und suche Kompromisse, mit denen wir beide leben können." Schließlich sei er kein reiner Dienstleister, sondern auch Künstler.

Und die Schmerzen? "Es macht mir schon ein wenig Spaß, wenn andere leiden", gesteht er grinsend. "Aber die meisten haben schon beim Rausgehen vergessen, wie schlimm es war - und kommen wieder."

Um sich während des Stechens von den Schmerzen abzulenken, empfiehlt er, sich einen Film anzusehen oder sich jemanden zum Reden mitzubringen. Besonders schmerzhaft seien Tattoos an Füßen, Bauch und Rippenbogen. "Aber das empfindet jeder anders und auch nicht jeden Tag gleich intensiv", erläutert der Tätowierer. Von der Einnahme von Schmerztabletten vor der Sitzung rät er ab, zumal einige blutverdünnend sind. Männer sind übrigens auch im Tattoo-Studio nur das vermeintlich stärkere Geschlecht. "Das hält sich die Waage. Es gibt sowohl bei Männern als auch bei Frauen welche, die kaum mit der Wimper zucken, und andere, die nur jammern."

"Die meisten haben schon beim Rausgehen vergessen, wie schlimm es war."

André Müller, Tätowierer

Zwei bis vier Stunden dauert eine Sitzung im Normalfall. "Ich habe auch schon mal sechs Stunden am Stück gestochen, aber es ist anstrengend für beide Seiten", sagt André Müller. Sport sei für den Vater einer zweijährigen Tochter deshalb ein wichtiger Ausgleich.

Wie würde er reagieren, wenn seine Tochter in ein paar Jahren auch tätowiert werden möchte? "Das soll sie selbst entscheiden, wenn sie alt genug ist. Aber sie kommt schon jetzt nach mir ...", sagt er und verrät, dass er doch schon unter der Nadel lag. Eine Rose, unauffällig auf dem Oberschenkel platziert. Sie steht als Symbol für die Heimat seiner Kindheit, Sangerhausen.

Eigentlich würde er gern mehr Motive haben. "Aber von richtig guten Tätowierern, die zum Teil im Ausland leben", berichtet er. Diese hätten ihren ganz eigenen Stil und hohen Wiedererkennungswert. Um seinen Wunsch in die Tat umzusetzen, müsste er zu den Künstlern reisen und seinen Laden längere Zeit schließen. Aber "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben."