Die Kommune spare sich selbst weg, und die Gebietsreform habe der Stadt Oberharz zusätzlich geschadet, so dass er nicht mehr ihr Bürgermeister sein kann, sagt Andreas Flügel. Er geht nicht nach Blankenburg oder in die FDP-Spitze. Acht Wochen vor dem Abschied stellt er sich den Fragen von Redakteur Burkhard Falkner.

Harzer Volksstimme: Herr Flügel, Ihre Amtszeit läuft ab, ist der Abschied eine Flucht?

Andreas Flügel: Es ist keine Flucht, ich gehe auch nicht im Bösen aus der Stadt Oberharz weg, aber ich gehe.

"Tourismus als freiwillige Aufgabe, das ist ein Witz!"

Volksstimme: Warum, das fragen sich viele Leserinnen und Leser, warum traten Sie nicht wieder zur Wahl an?

Flügel: Weil ich die Entwicklung, die ich jetzt kommen sehe, nicht mit meiner Auffassung zur Arbeit eines Bürgermeisters vereinbaren kann.

Volksstimme: Das müssen Sie näher erklären.

Flügel: Der Bürger erlebt den Staat in seiner Gemeinde, wie Theodor Heuss (1949-1959 erster Bundespräsident -Red.) einmal für mich so vorbildlich gesagt hat. Aber heute wird vom Gesetzgeber genau alles das, was eine Kommune ausmacht, zur sogenannten freiwilligen Aufgabe deklariert: Kultur, Jugendarbeit, Brauchtum. Sogar Tourismus soll eine "freiwillige" Aufgabe sein - ein Witz vor der Geschichte in unserer vom Tourismus abhängigen Region. Es wird an allem gespart, was die Kommune und ihre Selbstverwaltung ausmacht. Sie spart sich - von oben verordnet - selber weg.

Volksstimme: Aber die Gebietsreform sollte doch das kommunale Leben verbessern?

Flügel: Richtig: Sollte. Sie wird es in anderen Bereichen sicher auch. Für Schierke zum Beispiel ist die Anbindung an Wernigerode sehr gut. Ähnliches wäre aber für den ganzen Oberharz nötig gewesen. Doch da verschärfte die Gebietsreform alle Probleme noch und lässt eine verkleinerte Kommune zurück, die ohne kräftige Finanzhilfe nicht lebensfähig ist. Da frage ich mich dann schon: Was mache ich hier eigentlich? Nur noch die staatlichen Verwaltungsaufgaben durchreichen und die Bürger bei Laune halten - das kann es nicht sein. Normalerweise wäre Stadtchef hier für so eine Stadt wie Oberharz der schönste Job der Welt.

Volksstimme: Wie das?

Flügel: Von der Größe, der Lage, auch von den Menschen her, von denen ich mit vielen in den letzten sieben Jahren zusammengearbeitet habe, und denen ich sehr danke. Von daher ist die Stadt Oberharz eine tolle Kommune oder könnte es sein. Aber nicht zu den Rahmenbedingungen. Die Erklärung fast aller wichtigen Aufgaben zu freiwilligen - und damit streichbaren Aufgaben sowie durch die Schrumpfung ist die Zukunft der Stadt eher düster. Das hat mich dann auch schon früh bewogen, nicht zur Wahl anzutreten.

Volksstimme: Was raten Sie Ihrem Nachfolger?

Flügel: Ich will natürlich niemanden entmutigen, es geht um meine persönliche Auffassung. Und Frank Damsch weiß, was auf ihn zukommt. Ich kann nur raten, alle vor der Wahl und in der Gebietsreform gegebenen Zusagen auf Unterstützung der Stadt Oberharz immer wieder einzufordern - bevor der bekannte partielle Behörden-Alzheimer aufritt und die Schließung vieler Einrichtungen gefordert wird. Der Trend des Vergessens beginnt schon.

Volksstimme: Inwiefern?

Flügel: Leute, die alles gewusst haben, wundern jetzt plötzlich herum, wie man diese Stadt so entstehen lassen konnte. Das wird zunehmen.

"Bevor bei den Behörden partiell Alzheimer auftritt"

Volksstimme: Wo sehen Sie die Stadt Oberharz in - sagen wir - 20 Jahren?

Flügel: Dann wird es die Stadt so nicht mehr geben.

Volksstimme: Wo sehen Sie sich selbst in 20 Jahren?

Flügel: Das kann ich beim besten Willen nicht sagen.

Volksstimme: Und nach dem Ende der Amtszeit am 30. Juni? Es gibt Gerüchte, Sie stiegen in die derzeit im Umbruch befindliche FDP-Spitze auf?

Flügel: Nein, ich gehe weder in die Politik noch in die Wirtschaft. Auch nicht nach Blankenburg, wie erzählt wird, wobei mein Interesse an kommunaler Arbeit in der Region bestehen bleibt. Im Sommer werde ich eine Aufgabe im kommunalen Bereich in Sachsen-Anhalt übernehmen. Die Verhandlungen dazu laufen.