1998 bekam der 33-jährige Stefan Köhler aus Ilsenburg die schockierende Diagnose "MS" – Multiple Sklerose. Ein Jahr später zog er in eine der Baracken am Eichholz-Sportplatz. Ein großer Freundeskreis half dem Rollstuhlfahrer, sich einzurichten. Ende des Jahres soll er ausziehen, aber er will dort aus guten Gründen keinesfalls weg.

Ilsenburg. Als Rollstuhlfahrer ist sein Aktionsradius extrem eingeschränkt. Langes Stehen ist dem 33-jährigen Ilsenburger Stefan Köhler schon seit mehr als zehn Jahren unmöglich. 1998 bescheinigte ihm ein Arzt eine Multiple Sklerose (MS) im Anfangsstadium. Was das bedeuten würde, konnte er seinerzeit noch gar nicht in vollem Umfang übersehen. Inzwischen ist ihm seine gesundheitliche Perspektive sehr wohl bewusst. Auch wenn die Behandlung durch Medikamente die Schübe der heimtückischen Krankheit vorübergehend aufhalten konnten. Wie lange das so bleibt, kann allerdings niemand voraussagen, "auch ein Arzt nicht", so Stefan Köhler.

Der junge Mann wohnt in einer der Baracken am Ilsenburger Eichholz. Vor anderthalb Jahren sei die einzige Nachbarin ausgezogen. Seitdem müsste es in der Wernigeröder Straße, am Rande des Sportplatzes, eigentlich sehr einsam um ihn sein. Doch das Gegenteil ist der Fall. Während Köhler mit seiner Behinderung kaum mehr am öffentlichen Leben teilnehmen kann, sorgt sich sein gro-ßer Freundeskreis rührend um ihn. Vieles wurde von den jungen Leuten um Maik Leukert und Magdalena Heindorf in Eigeninitiative rollstuhlgerecht hergerichtet, umgebaut und modernisiert. Das betrifft auch den winzigen Garten, der ehemals verwahrlost war. Dort finden seit langem regelmäßig Partys statt. Das Gute daran: Die Baracke am Waldrand ist derart abgelegen, dass sich am Krach bislang wohl niemand störte. Die Besucher des gegenüberliegenden Jugendklubs ohnehin nicht. So gesehen gilt seine Adresse, ungeachtet aller gravierenden baulichen Mängel, für Köhler als ideal.

"Ohne meine Freunde wäre ich längst verhungert"

Für seine Drei-Raum Wohnung unter dem immer noch undichten Teerdach bezahlt er 375 Euro Miete. Die Erwerbsunfähigkeitsrente reiche dafür oft nicht. Stefan Köhler: "Ohne meine Freunde wäre ich wahrscheinlich längst verhungert." Diese kaufen für ihn Lebensmittel ein und machen sogar sauber, was die häusliche Krankenpflege gar nicht schaffen könne. Ein Rollstuhltaxi sei in aller Regel doppelt so teuer, wie ein normales: "Das kommt für mich nur im absoluten Ausnahmefall in Frage", meint er. Aber Köhler genießt nicht nur die Betreuung durch seine Freunde. Er betreut die Woche über auch selbst: nämlich die Jack-Russel-Hündin "Micky" einer guten Bekannten. Er genießt deren Nähe: "Ist der quirlige Vierbeiner zu Besuch bei, springt er zu mir auf den Schoß. Er erweckt so den Eindruck eines Wachhundes, der mich beschützen will. In Wirklichkeit hat er selbst nur panische Angst."

Stefan Köhler hatte vor dieser Wohnung einmal eine ganz andere Adresse in der Karlstraße: "Da habe ich erstmal gemerkt, wie spießig ich selbst bin. Mich hat einfach der Krach der Nachbarn gestört." Das Ergebnis war die "Flucht" an den Rand des Sportplatzes. Hier fühlte er sich angekommen. Beschränkt sich doch sein bescheidenes Leben als Rollstuhlfahrer auf wahre Wechselbäder zwischen gewollter Einsamkeit und rauschenden Partys. Doch letztere sind das absehbare Problem: "Ende des Jahres will die Stadt, dass ich hier ausziehe. Wissen sie, was das in meinem Fall bedeutet? Ich höre Punk-Musik und die üblicherweise nicht eben leise." Der Zoff mit den neuen Nachbarn scheint somit vorprogrammiert.

Auf die Frage, ob er sich mit seinem Problem schon einmal an die Behindertenbeauftragte der Stadt- oder Kreisverwaltung gewandt hat, meinte er: "Ich hatte keine Ahnung, dass es so was überhaupt gibt."