Das überraschte selbst Experten. Doch fest steht : Ein Teil der Stadtgeschichte Wernigerodes muss umgeschrieben werden. Das " Schierstedtsche Haus " ist fast 30 Jahre älter als bisher angenommen. Und obendrein das bislang älteste.

Wernigerode. Die Hinterstraße 48 : Jahrzehntelang wurde Touristen im Heideviertel das älteste Gebäude der Stadt gezeigt – ein Ständerbau aus dem Mittelalter. Bis heute scheint auch eines jener Hinweisschilder dies zu bestätigen. " Es wurde um 1400 erbaut und 1438 erstmalig mit dem Brunnen vor dem Haus urkundlich erwähnt. " Das kann allerdings nur für dessen Standort gelten, keineswegs aber das Gebäude selbst. Denn älter als von 1548 ist es defnitiv nicht. Moderne Untersuchungen ( Dendrochronologie ), belegen, Wernigerodes älteste Häuser betreffend, gibt es Ungenauigkeiten.

" Alt, wie ein Baum !" Das ist für den Bauforscher Frank Högg aus Wasserleben viel zu oberfächlich. Er bohrt sich überall durch Balken. Sind deren Kerne doch wie eine Visitenkarte aus dem Mittelalter : Jahresringe lassen exakte Rückschlüsse zu, wann das Holz verbaut wurde. Högg hatte wochenlang Holzproben am " Schierstedtschen Haus " genommen. Es ist die spätere Ratswaage an der gegenüberliegenden Seite des Hotels " Gothisches Haus ". Früher gab es keine direkte Verbindung zum Rathaus. Heute ist das " Schierstedtsche Haus " als ehemals eigenständiges Gebäude äußerlich nur noch schwer erkennbar. Doch das den meisten verborgen bleibende Dachwerk mit seinen Fichtenbalken spricht eine deutliche Sprache. " Hier handelt es sich um den ältesten Profanbau Wernigerodes ", ist sich Högg sicher. Und betont : " Dafür würde ich mich nach meinen Untersuchungen verbürgen. " Während die Balken im Dach des eigentlichen Rathauses von 1495-97 stammen, stieß man beim " Schierstedtschen Haus " auf Holz von 1456. Es ist also fast 30 Jahre älter.

" Damals wusste man

es nicht besser "

Zusätzliches Indiz : die sogenannten Hauptschwundrisse. Zusammen mit den später vorgenommenen Abbundzeichen der Zimmerleute, die stets während der ersten drei Jahre ins Holz geschlagen wurden, ist die Bestimmung ohne Zweifel. Der Experte : " Erst recht, da sie im Laufe der Zeit verändert wurden und heute sehr genau bestimmten Jahren zugeordnet werden können. "

Das Gebäude wurde in den 30-er Jahren des letzten Jahrhunderts bei der umfangreichen Rathaussanierung maßgeblich umgebaut. Zwar wurde damals eine sogenannte Holztonne installiert, allerdings ist die besagte Dachkonstruktion darüber die originale aus dem Mittelalter. Zu erkennen auch an der auffällig starken Schwärzung der Balken.

Ein " Wunschergebnis " aus der Sicht der Stadt ist das nicht. Allerdings hat Wernigerodes Baudezernent Burkhard Rudo eine Erklärung : " Vieles, was wir heute wissen, ist zurückzuführen auf Annahmen früherer Ortschronisten. " Nicht selten seien geschichtliche Ereignisse der Stadt nachträglich zur Grundlage der zeitlichen Einordnung genommen worden. " Das stimmte manchmal ziemlich genau, konnte aber auch deutlich abweichen. "

So bezog sich die Datierung der Hinterstraße 48 auf die Recherchen eines gewissen Ernst Pommer. Dieser nahm einen jener Stadtbrände zur Grundlage für die Einordnung jenes Hauses und sei so auf eine wahrscheinliche Entstehungszeit um 1455 gekommen. Dessen Spekulation : Just in diesem Jahr brannte es wieder mal in der Stadt, also muss das Haus unmittelbar danach gebaut worden sein. Rudo : " Damals wusste man es einfach nicht besser. "