Wernigerode ( hwa ). Nun hat man am Sonntag einmal gesehen, wieviel liebevolle Eltern zu den Chorschülern des Mädchenchores und des Rundfunk-Jugendchores gehören. Der Kirchenraum des katholischen Gotteshauses St. Marien langte gerade mal so aus ; viele mussten stehen. " Zum Glück wurde unser Konzert nicht in der Volksstimme angekündigt ", war Peter Habermann, der künstlerische Leiter des Rundfunk-Jugendchors, froh, dass nicht noch die Wernigeröder Konzertinteressenten gekommen waren. Beeindruckend, wie sehr die Eltern der Chorschüler Anteil an der musikalischen und menschlichen Entwicklung ihrer Kinder nehmen und selbst weiteste Wege aus Bayern oder Schleswig-Holstein nicht scheuen, das Jahresabschlusskonzert zu erleben.

Beide Chöre des Landesgymnasiums für Musik stellten die Ergebnisse der intensiven Probenarbeit vor, die sich am Wochenende ab 20. Juni und danach an die Schulzeit anschloss. Peter Habermann dankte allen Lehrern, die mit Freude und Elan die Probenwoche unterstützt hatten. Es gab ausschließlich Neues im Repertoire zu hören, und das klang schon ganz gut. Mit der Ausstrahlung haperte es freilich noch, speziell beim Mädchenchor, aber es kann ja noch kommen, dass man die Freude beim Singen auch sieht und spürt. Auf jeden Fall war es eine Freude, dass beide Chöre auf die gelbe Chorkleidung der Damen verzichtet hatten – sie sieht immer aus, als gäbe es gleich eine russische Estradengala zu erleben ! Statt dessen festliche Privatkleidung in Schwarz-Weiß – das war angenehm. Und man kann es ja ruhig einmal bemerken – ausnahmslos alle Choristen hatten die schwarzen Schuhe frisch geputzt. Da erziehen Schule und Internat auf ganz eigene Weise !

Der Mädchenchor unter Steffen Drebenstedt setzte mit Hans Leo Hasslers Lied " Nun fanget alle an " ein, um mit Barockmusik des Venezianers Giovanni Croce und einer jazzigen Version Neuland zu beschreiten. Drei deutsche Volkslieder wurden zu feinen Miniaturen über die Liebe. Der " Sommerpsalm " in der Bearbeitung für Mädchenchor durch Drebenstedt und das schwedische Volkslied " Üti var hage " waren wirklich ausdrucksvolle Naturstudien, eine schwedische Sehnsuchtsmusik. Abschließend gab es Ausflüge nach Afrika und in die Welt des Spirituals und Swing – hier machte es weniger Spaß. Wenn bloß durchgeswingt würde ! Aber zwei Strophen musiziert der Chor stocksteif, um bei der dritten in hektische organisierte Bewegung zu verfallen. Und auch Glenn Millers " Chattanooga choo choo " ist in der verdienstvollen Chorversion zwar gute Laune pur, aber ich hätte mir statt der wuchtigen Klavierbegleitung eher ein bissel gesangliche Spielerei mit dem Titel und seinen Versionen gewünscht – von Buhlans " Zug nach Kötzschenbroda " bis zu Lindenbergs " Sonderzug nach Pankow ".

Beim Rundfunk-Jugendchor stimmte dann alles, vor allem der kluge dramaturgische Aufbau. Zwei Schütz-Motetten " Also hat Gott die Welt geliebt " und " Ich weiß, dass mein Erlöser lebt " stimmten mit Meisterschaft ein, gefolgt von zwei Renaissance-Liedern " Kommt ihr G ‘ spielen " und " Holla, gut ‘ s Gsell ". Mit Felix Mendelssohn Bartholdys " Abschied vom Walde " traf der Chor den Geist der Romantik sehr genau, um im Anschluss drei unbeschwerte Volkslieder stilsicher und differenziert zu interpretieren. Das Spiritual " I can tell the world " von Moses Hogan schloss inhaltlich den Bogen zu den tief gläubigen Schütz-Motetten.

Langer Beifall dankte beiden Chören. Anschließend standen die Eltern und ihre fast erwachsenen Künstler-Kinder ins Gespräch vertieft noch lange vor der Kirche. Die Trennung und die Heimfahrt in alle Ecken Deutschlands f el schwer – auch, wenn sich viele in wenigen Tagen zum Brahms-Festival und zur Korea-Reise wiedertreffen werden.