Zum 1. Juli hat Avacon den Teilbetrieb Mitte der E.ON Netz GmbH integriert. Mit diesem Schritt wächst das Unternehmen um 10800 Kilometer Hochspannungsnetz der 110-kV-Ebene und rund 300 Mitarbeiter. "Das Netzgebiet reicht nun von der Nordseeküste bis Südhessen", sagt Corinna Hinkel, Pressesprecherin von Avacon in Helmstedt.

Oschersleben l Das Unternehmen folge nach Corinna Hinkels Einschätzung mit der Übernahme seiner Ausrichtung als reiner Netzbetreiber und Infrastrukturdienstleister mit Fokus auf dezentrale Energien. Als regionaler Netzbetreiber nehme Avacon durch sein ländlich geprägtes Versorgungsgebiet eine wesentliche Rolle bei der Energiewende ein.

Aktuell liege der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch im Bundesdurchschnitt bei knapp 24 Prozent. Im Avacon-Netzgebiet betrage der "Grünstrom"-Anteil bereits rund 90 Prozent. Damit werde im Avacon-Gebiet schon heute das Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2050 eine 80prozentige Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen zu erreichen, übertroffen.

Die zunehmende dezentrale Energieerzeugung und der notwendige Netzausbau verlangen schnelle und intensive Abstimmungswege. Mit dem Betrieb der Hoch-, Mittel- und Niederspannungsnetze aus einer Hand, wie sie Avacon in Sachsen-Anhalt schon immer betreibe, seien zahlreiche Vorteile verbunden. "Die Mitarbeiter im Netzbetrieb rücken enger zusammen, Schnittstellen werden vermieden, Doppelarbeiten entfallen und Prozesse werden optimiert", sagt Hinkel. Die Zusammenführung der Spannungsebenen unterstütze das Unternehmen, die Versorgungssicherheit trotz schwankender Einspeisemengen auf hohem Niveau zu halten.

Wie stark die Einspeisemengen gestiegen sind, belegen aktuelle Zahlen des Unternehmens. Insgesamt beträgt die Einspeiseleistung Erneuerbarer Energien ins Avacon-Netz etwa 8500 Megawatt - eine Leistung vergleichbar mit der von etwa zehn konventionellen Großkraftwerken. Rund 38000 Anlagen erzeugten im letzten Jahr elf Milliarden Kilowattstunden grünen Strom - eine Energiemenge, die für die Versorgung von mehr als drei Millionen Haushalten reicht.

In den vergangenen 15 Jahren investierte Avacon über 1,6 Milliarden Euro in seine Energienetze. Mit Integration des Hochspannungsnetzes plant das Unternehmen für Modernisierung und Ausbau seiner Anlagen jährliche Investitionsausgaben von rund 150 Millionen Euro.

"Rund 97 Prozent der dezentral erzeugten Energie werden auf dem Land erzeugt"

Christian Röhrig, Avacon Oschersleben

Am Standort Oschersleben gab es einen Wechsel an der Standortspitze. Zum 1. Juli übernahm Dr. Christian Röhrig die Leitung. Er war vorher bei Avacon in Krottorf beschäftigt, bevor er ein Studium für Elektrotechnik aufnahm und anschließend promovierte. Sein Vorgänger Lars Hasselfeld wechselte nach Salzgitter.

Das Netzgebiet, das die rund 100 Mitarbeiter um Standortleiter Christian Röhrig betreuen, reicht vom Brocken bis nördlich zur A2 und umfasst rund 2500 Quadratkilometer. 5100 Kilometer Mittel- und Niederspannungsleitungen, 1000 Kilometer Gasleitungen, 20 Umspannwerke und 1600 Stationen werden für die sichere Energieversorgung im genannten Netzbereich von den Mitarbeitern gewartet, instand gehalten und deren Ausbau geplant.

Im Netzgebiet vom Standort Oschersleben beträgt der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien schon gut 150 Prozent des Bedarfs, und ist damit sechsmal so hoch wie der Bundesdurchschnitt. Das größte Potenzial unter den "grünen" Energien liegt nach wie vor im Wind. Mit 504 installierten Anlagen, 426 davon stehen im Landkreis Börde, liegt der Anteil des dezentral erzeugten Stroms bei 80 Prozent, wohingegen die rund 2000 installierten Photovoltaikanlagen nur einen Anteil von knapp sechs Prozent liefern. Die Zahlen belegen deutlich, dass die Energiewende vorrangig auf dem Land stattfindet. Hier sind in großer Zahl die dezentralen Erzeuger, wie Windparks, Biogas-oder Photovoltaikanlagen installiert, da es in den Städten kein ausreichendes Flächenpotential dafür gibt. "Rund 97 Prozent der dezentral erzeugten Energie werden auf dem Land erzeugt", sagte Röhrig. Daher müssen die ländlichen Netzstrukturen die hier vorhandenen enormen erneuerbaren Erzeugungskapazitäten bewältigen können. "Avacons Aufgabe als Netzbetreiber ist es, ein effizientes Strom- und Erdgasnetz und damit die nötige Transportinfrastruktur für die in der Region erzeugten Energie bereitzustellen", erläutert er. Dafür investiert Avacon Oschersleben rund sieben Millionen Euro in Instandhaltungs-, Modernisierungsmaßnahmen und neue Projekte. Zu den diesjährigen Vorhaben gehören unter anderem das Netzkonzept Westeregeln, in dem die Spannungsumstellung von 15 auf 20 Kilovolt erfolgt und neue Mittelspannungskabel zur Netzverstärkung verlegt werden, Ortsnetzverkabelungen in Dingelstedt und Hornhausen sowie Instandhaltungsmaßnahmen in Gröningen und Schwaneberg.

Um die Netze möglichst kostengünstig auf die neuen Anforderungen vorzubereiten, setzt Avacon auf optimierte Netzplanung und Netzsteuerung sowie auf innovative Technologien. Erst wenn diese Ansätze ausgereizt sind, erfolgt ein konventioneller Netzausbau. "Im Vergleich zu konventionellen Lösungen können wir dadurch das notwendige Investitionsvolumen um rund 30 Prozent reduzieren und so Netzkostensteigerungen verringern", sagt Röhrig.

Als Beispiele für innovative Technologien benannte er den von Avacon mit Forschung und Industrie gemeinsam entwickelten regelbaren Ortsnetztrafo, der bereits in Schleibnitz, Schwaneberg und Ströbeck eingebaut wurde, den Einsatz spezieller Wechselrichter für Photovoltaikanlagen und den Aufbau von Stützpunktnetzen, bei denen Kabel mit besonders hohem Querschnitt verlegt werden.