Der drohende Hausärztemangel beschäftigt die "Arbeitsgruppe Ärzte" weiterhin. Die Hoffnung der Mitglieder ruht vor allem auf dem Nachwuchs aus der Region. Zwei Medizinstudentinnen nähren diese Hoffnung.

Wolmirstedt l Vier der acht Hausärzte Wolmirstedts sind bereits über 70 Jahre alt. Würden sie auf einen Schlag aufhören, wäre das eine mittlere Katastrophe. Direkter Nachwuchs ist derzeit nicht in Sicht. Die "Arbeitsgruppe Ärzte" unter der Leitung des Bürgermeisters Martin Stichnoth (CDU) sucht nach Wegen aus der Misere. Ärzte und Stadträte arbeiten mit.

Wolmirstedt ist keine Weltstadt, das Leben tobt anderswo. Die Stadt kann als niedlich gelten, bestenfalls. Es gibt weder ein Meer, in das Abends die Sonne rutscht, noch Berge auf denen Schneemützen glitzern. Wer hier bleiben will, hat Wurzeln geschlagen, Freunde gefunden oder eine Familie. Bindungen und das vielbelächelte Heimatgefühl scheinen die besten Mittel gegen den drohenden Hausärztenotstand zu sein. Bei zwei Medizinstudentinnen scheinen sie längt zu wirken.

"Mich braucht niemand zu locken, ich möchte sowieso hierher zurück", sagt Elisabeth Czieschnek ganz klar. Die 21-jährige Wolmirstedterin studiert im zweiten Jahr Medizin in Mannheim. Ob sie als Hausärztin zurückkehren möchte, weiß sie noch nicht. "Für diese Entscheidung ist es noch zu früh."

Ottilie Fritze ist schon einen Schritt weiter. Die Groß Ammensleberin hat bereits drei Jahre des Studiums hinter sich, das Physikum längst bestanden und ist gespannt auf die Ausbildungen in den verschiedenen Fachrichtungen. Gerade hat sie beim Hausarzt Ulrich Apel in Wolmirstedt eine zweiwöchige Famulatur absolviert, so heißt das Praktikum für fortgeschrittene Medizinstudenten. "Es hat mir sehr gefallen", sagt sie, "es war abwechslungsreicher, als ich gedacht habe." Ein Hausarzt muss eben weit mehr können, als Infekte behandeln.

Ob sie einmal Hausärztin werden möchte, weiß die 21-Jährige noch nicht. "Lange war Hebamme mein Berufswunsch", sagt sie, "also entscheide ich mich vielleicht für die Gynäkologie." Sie hat noch viel Zeit, um die Weichen dafür zu stellen, nur in einem ist sich Ottilie sicher: "Ich würde gerne hier in der Region arbeiten."

Ottilie Fritze ist froh, dass sie in Magdeburg einen Studienplatz bekommen hat. Sowohl sie als auch Elisabeth haben bemerkt, dass sich Studenten entweder in Wohnortnähe bewerben oder dort, wo sie später mal arbeiten möchten. Beide halten es für unwahrscheinlich, dass sich beispielsweise ein Bayer überreden lassen würde, eine Praxis in Wolmirstedt zu eröffnen. Es sei denn, die Liebe verschlägt ihn hierher.

An der Heimatliebe setzt auch die "Arbeitsgruppe Ärzte" an. Sie wollen am Gymnasium fragen, wer Medizin studieren möchte, und somit gezielt zu den künftigen Ärzten Kontakt halten. Ihnen soll Wolmirstedt als späterer Arbeitsort eine Option sein.

Ob auch die Universitäten andere Kriterien, als den Notendurchschnitt für die Studienplatzvergabe hinzuziehen, liegt nicht in den Händen der Arbeitsgruppe. An der Magdeburger Uni werden bereits neue Wege gegangen. Dort bekommen nicht alle Studenten allein aufgrund ihres Abiturdurchschnitts einen Studienplatz, ein bestimmter Prozentsatz der Plätze wird nach einem Testverfahren vergeben. Ob die Studienplatzvergabe an Universitäten künftig auch diejenigen berücksichtigen kann, die später eine Hausarztpraxis eröffnen wollen, damit möchte die Arbeitsgruppe Ärzte demnächst mit Bundestagsabgeordneten sprechen.

Blicken Ottilie Fritze und Elisabeth Czieschnek in die Zukunft, sehen sie nach vielen Jahren des Medizin- und Facharztstudiums nicht unbedingt den Start in der eigenen Praxis. "Ich könnte mir gut vorstellen, ein Jahr im Angestelltenverhältnis oder in einer Gemeinschaftspraxis zu arbeiten", sagt Ottilie. Sie verspricht sich davon den Erfahrungsaustausch und dass im Zweifel ein Kollege gefragt werden kann. Auch Elisabeth Czieschnek möchte zu Beginn ihre beruflichen Laufbahn nicht alleine stehen und auch stets die Chance auf Weiterbildungen haben.

Die stellvertretende Bürgermeisterin Marlies Cassuhn bringt in diesem Zusammenhang das sogenannte Büsumer Modell ins Gespräch. Die 5000-Einwohner-Gemeinde an der Nordsee hat ebenfalls mit Ärztemangel zu kämpfen und will deshalb ein Ärztehaus bauen. Dort sollen die Ärzte fest bei der Gemeinde angestellt sein. "Dieses Haus dort wird es als gemeinnützige GmbH geführt", hat Marlies Cassuhn herausgefunden. Ob so ein kommunales Ärztehaus auch in Wolmirstedt machbar ist, damit will sich die Verwaltung beschäftigen.

Inzwischen ist auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) auf das drohende Hausärzte-Problem in Wolmirstedt aufmerksam geworden. Vertreter haben bereits mit dem Bürgermeister gesprochen und sind in Arztpraxen unterwegs. "Die Mitarbeiter suchen nach Lösungen, um potentielle Nachfolger rechtzeitig gewinnen zu können", sagt KV-Sprecher Bernd Franke auf Volksstimme-Nachfrage.

Der drohende Notstand ist auch in Zahlen messbar. Eine flächendeckende und wohnortnahe Versorgung mit hausärztlichen Leistungen sei gegeben, wenn ein Hausarzt rechnerisch auf 1671 Einwohner entfällt. Damit würden für Wolmirstedt sieben Hausärzte den Bedarf decken.

Ende Mai will die Arbeitsgruppe zu neuen Gesprächen zusammen kommen.