Die Klasse 9a der Ganztagsschule "Johannes Gutenberg" reiste vom 2. bis 5. Mai im Rahmen einer Projektfahrt zum Soldatenfriedhof Lommel nach Belgien, um sich mit den Folgen von Krieg und Faschismus auseinanderzusetzen. Über die Volksstimme starteten die Schüler zuvor einen Aufruf, um Angehörige von Gefallenen aus der Region ausfindig zu machen, damit ihre Gräber gepflegt werden können. Fünf Personen meldeten sich daraufhin. Einer von ihnen bedankte sich nun persönlich bei den Schülern.

Wolmirstedt. Voller Dankbarkeit war der Wolmirstedter Rentner Herr S. (Name der Redaktion bekannt), der mit seinem vollständigen Namen nicht genannt werden möchte, als er am Mittwoch vor die Klasse 9a der Gutenberg-Schule trat, die vor einigen Tagen von ihrer Projektfahrt aus Belgien zurückgekommen war. Dort hatten die Schüler auf dem Soldatenfriedhof in Lommel das Grab seines angeheirateten Verwandten, Fritz Lehmann, von Unkraut befreit und mit frischen Blumen geschmückt.

Am 19. April entdeckte Herr S. den Aufruf der Schüler in der Wolmirstedter Volksstimme, bei dem sie nach Angehörigen von Gefallenen suchten, denn ein wichtiger Bestandteil der Reise war unter anderem das Pflegen von Grabstätten. Fast 40 000 Soldaten und Zivilisten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg liegen dort begraben. Und so fragte sich die Klasse im Vorfeld, ob es nicht auch in der Wolmirstedter Region noch Menschen gäbe, die das Grab ihres Angehörigen gepflegt wissen möchten.

Die Idee der Schüler war es ebenfalls, diese Gräber mit Blumen und Kränzen zu schmücken, und den Angehörigen ein Foto von der Grabstätte mit nach Hause zu bringen. Dazu verfassten sie einen persönlichen Brief und ein Gedicht. Darüber hinaus sprachen sie mit Zeitzeugen, setzten sich mit Einzelschicksalen von Gefallenen auseinander, besuchten ein Gefängnis und beschäftigten sich intensiv mit den Themen Frieden, Krieg und den Auswirkungen von totalitären Systemen auf die menschliche Persönlichkeit.

Das Grab von Fritz Lehmann war eines von fünf Gräbern, das von den Schülern besondere Aufmerksamkeit bekam. Herr S. hatte ihn leider nie persönlich kennenlernen dürfen und hat doch eine besondere Verbindung zu ihm. Und so erzählte er vor der Klasse seine Geschichte:

Als der Vater von Herrn S. in den 40er Jahren das zweite Mal heiratete, kam "Opa Lehmann" in die Familie. Er war der Vater seiner Stiefmutter, die heute mit fast 93 Jahren in einem Seniorenwohnheim lebt.

Opa Lehmann, so erzählte man sich, war ein humorvoller und lebenslustiger Mensch. Künstlerisch und musisch begabt, malte er viele Bilder und schrieb sogar ein kleines Büchlein mit heiteren Kurzgeschichten, die er eigenhändig illustrierte.

Geboren wurde Fritz Lehmann 1878 in Berlin und diente zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Kaiserlichen Armee in Magdeburg. 1914 zog er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern nach Wolmirstedt und arbeitete dort als Versicherungsinspektor.

Im Zweiten Weltkrieg hatte er aufgrund seines relativ hohen Alters zwar nicht gekämpft, wurde aber 1945 in politische Haft genommen und in ein Internierungslager nach Belgien gebracht. Schon kurze Zeit später kam er frei und machte sich mit einem Magdeburger Kollegen eigenständig auf den Heimweg. Unterwegs klagte Fritz Lehmann über Unwohlsein und kehrte kurzerhand um. Von da an fehlt jede Spur. Lediglich ein schriftlicher Bescheid vom September 1945 belegt, dass Fritz Lehmann am 5. August 1945 gestorben ist, zunächst in Brüssel begraben, und kurze Zeit später auf den Soldatenfriedhof in Lommel umgebettet wurde. Die genaue Todesursache ist der Familie bis heute nicht bekannt.

Still war es in der Klasse, während Herr S. die Geschichte von Fritz Lehmann erzählte. Als er von der Schülerin Paula Göbel das Foto von der gepflegten Grabstelle und einen persönlichen Brief überreicht bekam, stand Dankbarkeit in seinen Augen, und er betonte noch einmal: "Ihr habt etwas Gutes getan, und ich möchte mich im Namen meiner Mutter für euren Einsatz bedanken." Er schloss mit einem wichtigen Appell an die jungen Menschen: "Wir können das alles nicht mehr rückgängig machen, aber ihr seid die Generation für die Zukunft. Nutzt eure Kraft und euer Engagement, damit so ein Krieg nie wieder passiert!"

Die Tage in Belgien waren für die meisten der Schüler eine tiefgreifend emotionale Erfahrung, wie Lehrerin Ute Moritz im Nachhinein positiv feststellte. Es war besonders die Menschenverachtung im Faschismus, die die Jugendlichen erschütterte.

"Vieles, was wir dort erlebten, ist ihnen sehr nahe gegangen. Das stärkt das Bewusstsein dafür, dass wir Verantwortung tragen für das, was wir tun. Auch sind wir froh, dass so viele Menschen unserem Aufruf gefolgt sind. Diese werden wir ins den kommenden Tagen besuchen und ihnen das Foto sowie den Brief persönlich überreichen."

Die Schüler Melanie Henning und Nils Stage resümierten nachdenklich: "Wir konnten es uns kaum vorstellen, dass unter jedem der vielen tausend Gräber zwei Menschen liegen. Die Projektfahrt hat uns alle sehr beeindruckt."

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