Das neue Jahr ist gerade einen Monat alt. Nachdem die Wetterlage alle in Atem hielt, ist jetzt höchste Zeit, Bilanz zu ziehen. Volksstimme-Redakteurin Claudia Labude sprach mit Bürgermeister Dr. Hans-Jürgen Zander über Höhepunkte 2009, die schwierige finanzielle Lage der Stadt und Vorhaben für das neue Jahr.

Volksstimme : Was waren für Sie Höhepunkte des vergangenen Jahres ? Dr. Hans-Jürgen Zander : Aus politischer Sicht waren die Eingemeindungen von Farsleben zum 1. Januar und von Glindenberg zum 1. Juli die Höhepunkte. Damit ist unsere Stadt größer geworden. Natürlich war die Vorbereitung und Durchführung der 1000-Jahr-Feier der Stadt Wolmirstedt der absolute Höhepunkt für mich und für die Gäste. Sie wird allen in positiver Erinnerung bleiben. Die Identifikation der Bürger mit Wolmirstedt als Heimatort beziehungsweise kulturellem Veranstaltungszentrum mit vielen Angeboten und auch die Wirkung ins Umland haben zugenommen und sollten Maßstab für die Zukunft sein. Wir sind jetzt jedoch wieder im Alltag angekommen.

Volksstimme : Im Alltag nach dem großen Fest wurde auch über Stadtmarketing diskutiert. Wie ist dazu der aktuelle Stand ? Dr. Zander : Wie viele andere Beteiligte wünsche ich mir, dass wir den Schwung und die gute Stimmung der 1000-Jahr-Feier nutzen und weitertragen können für die Organisation von Veranstaltungen, aber auch insgesamt für das Zusammenleben in unserer Stadt mit den neuen Ortsteilen. Zum Stadtmarketing konkret ist zu sagen, dass die durch die Verwaltung vorbereiteten Beschlussvorlagen durch den Stadtrat nicht bestätigt worden sind, so dass im Augenblick die Handlungsgrundlage fehlt. Die Vorschläge bezogen sich auf die konzeptionelle Arbeit und die Organisation des Stadtmarketing. Trotzdem werden natürlich viele Aktivitäten unternommen, um unsere Stadt bekannt zu machen und die Angebote, die sie im Rahmen von Wohnen, Freizeitgestaltung und Arbeiten bietet, öffentlich zu machen. Die Durchführung des Kultursommers und von Sportveranstaltungen gehören für mich ebenso zum Stadtmarketing.

Volksstimme : Ein langwieriges Problem konnte 2009 behoben werden : Ein neuer Erschließungsträger übernahm das Wohngebiet Lindhorster Weg. Danach gab es für die Anwohner und interessierte Bauherren endlich einen positiven Blick in die Zukunft. Wie groß ist das Interesse daran, in der Ohrestadt ein Haus zu bauen ?

Dr. Zander : Das erwähnte Wohngebiet steht ja schon länger bereit, aber die gemeinsame Leistung mit dem neuen Erschließungsträger besteht darin, dass endlich alle Hemmnisse, die den Straßenbau und die weitere Erschließung verursacht hatten, ausgeräumt werden konnten, so dass jetzt attraktives Bauland zur Verfügung steht. Dieses Gebiet wird von Interessenten für Eigenheim-Baugrundstücke auch am meisten nachgefragt. Dies gilt ebenso für die neue Erschließungsanlage in der Fortsetzung der Heidbergstraße. Da in diesen Wohngebieten bereits im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres mehrere Richtfeste gefeiert wurden, gehe ich davon aus, dass sich diese Entwicklung im Jahr 2010 fortsetzt.

" Rückgang der

Bevölkerungsentwicklung wirkt sich

negativ auf die

Altersstruktur aus "

Volksstimme : Und die Bevölkerungsentwicklung allgemein ? Mit der Eingemeindung von Farsleben und Glindenberg hat sich die Stadt vergrößert. Wo stehen wir jetzt ?

Dr. Zander : Mit den auch oben schon genannten Aktivitäten, mit der Bereitstellung von Bauland, mit dem Vorhalten von Kindertagesstätten, Schulen und Sporteinrichtungen sowie kulturellen Angeboten, ist die Stadt Wolmirstedt ein attraktiver Wohnstandort in unmittelbarer Nähe zur Landeshauptstadt. Trotzdem ist die Bevölkerungsentwicklung weiter leicht rückläufig, was sich auf die Altersstruktur negativ auswirkt. Mit der Eingemeindung von Farsleben und Glindenberg hat die Stadt zirka 12 350 Einwohner. Flächenmäßig hat sich die Stadt auf 54 Quadratkilometer vergrößert ; das Straßennetz beträgt zirka 65 Kilometer. Darüber hinaus gehört jetzt ein Teil des Wasserstraßenkreuzes zu Wolmirstedt sowie das Ländliche Kulturzentrum " Webers Hof ". Volksstimme : Trotzdem sehen die Prognosen für die Stadt im Landesentwicklungsplan schlecht aus ...

Dr. Zander : Sie spielen sicher darauf an, dass im Entwurf des Landesentwicklungsplanes vorgesehen ist, die Stadt Wolmirstedt in ihrer Funktion nicht mehr als Grundzentrum mit den Teilfunktionen eines Mittelzentrums, sondern nur noch als Ort mit besonderer Bedeutung im ländlichen Raum zu bewerten. Sollte dies von der Landesregierung zum Beschluss erhoben werden, hätte dies tatsächlich fatale Folgen : Unter anderem, weil die Stadt für das Umland tatsächlich Funktionen eines Mittelzentrums ausübt. Neben den von mir genannten Dingen, was Sport und Kultur betrifft, sei hier besonders das Vorhalten von Einkaufsmöglichkeiten und medizinischer Versorgung genannt. Aber auch mit dem Gymnasium und den Förderschulen bestehen Bildungsangebote, die für das gesamte Umland wichtig sind. Die Befürchtung besteht, dass bei einer solchen Rückstufung nicht mehr die entsprechenden Mittel für das Vorhalten dieser Leistungen bereitstehen und Angebote abgebaut werden müssten. Sowohl die Stadt als auch der Landkreis Börde haben sich entschieden gegen diesen Punkt im Landesentwicklungsplan ausgesprochen.

Volksstimme : Sie sprachen auch die medizinische Versorgung an. Am Standort des Krankenhauses hat sich 2009 nichts getan. Wie geht es dort weiter ?

Dr. Zander : Dazu würde ich Sie bitten, mit den Verantwortlichen des Sana-Ohre-Klinikums zu sprechen.

Volksstimme : Ein weiterer Punkt, der die Gemüter bewegt, ist die geplante Nordverlängerung der Autobahn 14. Wie ist dazu der neueste Stand ?

Dr. Zander : Wir haben den betroffenen Bürgern aus Mose und Wolmirstedt unsere Unterstützung zugesagt, was ihr Bestreben nach Lärmschutz angeht. Das ist allerdings ja noch kein Bestandteil des aktuellen Planfeststellungsverfahrens, das den Abschnitt am Lindhorster Berg betrifft. Wir haben in unserer Stellungnahme darauf hingewiesen, dass man das Problem zwischen dem Lindhorster Berg und der B 189 ab Wolmirstedt Nord nicht einfach beseite gelegt werden kann. Eine aktuelle Reaktion darauf gibt es derzeit nicht.

Volksstimme : Stichwort Wirtschaft – was können Sie tun, um noch mehr gewerbliche Neuansiedlungen in die Stadt zu holen ?

Dr. Zander : Wir sind weiterhin bemüht, gemeinsam mit den Unternehmen, die in Wolmirstedt tätig sind, darauf hinzuwirken, auch weitere Ansiedlungen vorzunehmen. Ich bin recht optimistisch, dass so wie bei der Automobilzulieferindustrie

auch die Ansiedlung von Exxellin dazu beitragen könne, weitere ergänzende Betriebe in die Stadt zu holen. Wir halten dazu die entsprechenden Flächen vor und inzwischen hat sich auch herumgesprochen, dass in der Stadt Wolmirstedt in guter Kooperation mit dem Landkreis bürokratische Hürden für Neuansiedlungen sehr niedrig gehalten werden.

Volksstimme : Mit dem bulgarischen Sredez wurde 2009 ein Partnerschaftsvertrag abgeschlossen. Wie soll diese Partnerschaft aussehen ?

Dr. Zander : Nach Abschluss des Vertrages haben wir uns an die Partnerstadt gewandt mit der Bitte, Vereine oder Personengruppen zu benennen, die Interesse an Begegnungen haben. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, auch Wolmirstedter Vereine oder Institutionen zu bitten, uns mitzuteilen, ob Interesse an einem partnerschaftlichen Austausch mit der Gemeinde Sredez besteht. Eine solche Partnerschaft lebt ja von solchen Begegnungen und hier besteht die Möglichkeit, eine andere Kultur und Lebensweise kennen zu lernen und von unserer Seite auch Erfahrungen im vereinten Europa zu übermitteln.

" Müssen Einsparpotenziale erschließen,

sonst sind freiwillige Aufgaben nicht mehr finanzierbar "

Volksstimme : Und was antworten Sie Kritikern, die sagen, dass der Kontakt mit der Partnerstadt Wunstorf fast nur noch durch die Briefmarkenfreunde aufrecht erhalten wird ? Dr. Zander : Wie eben ausgeführt, lebt die Partnerschaft von Kontakten mit Vereinen. So kann jeder für sich entscheiden, wie er das halten möchte. Neben den Briefmarkenfreunden pflegt zum Beispiel auch die Freiwillige Feuerwehr Wolmirstedt enge Kontakte mit den Wunstorfer Kameraden. Zwischen den Verwaltungen und den politischen Gremien ist vereinbart, in diesem Jahr die Partnerschaft im 20. Jahr der deutschen Einheit zu demonstrieren.

Volksstimme : Im Jahr 2010 muss auch in Wolmirstedt der Gürtel enger geschnallt werden, es drohen Steuermindereinnahmen in Größenordnungen. Welchen Einfluss hat das auf die Investitionstätigkeit ?

Dr. Zander : Den Gürtel enger zu schnallen reicht nicht mehr. In den Jahren 2010 und 2011 haben wir es mit teils dramatischen Einbrüchen bei den Einnahmen zu tun. Verglichen mit dem Jahr 2009 fehlen allein im Vermögenshaushalt eine Million Euro. Im Unterschied zu unseren Planungen können deshalb im Jahr 2010 nur Investitionen getätigt werden, bei denen anteilige Fördermittel durch das Land oder den Bund ausgereicht werden. Das heißt, die Großprojekte wie Umbau der Diesterweg-Grundschule und Neubau einer Zweifeld-sporthalle bei der Gutenbergschule sind nicht gefährdet, aber viele kleinere eigentlich notwendige Investitionen werden wir nicht durchführen können. Schon um die großen Projekte verwirklichen zu können, müssen erhebliche Mittel aus der Rücklage der Stadt entnommen werden, die dann auch fast aufgebraucht ist.

Volksstimme : Und für den Bereich der freiwilligen Aufgaben ? Dr. Zander : Für den gesamten Verwaltungshaushalt bedeutet dies, alle Einsparpotenziale versuchen zu erschließen, aber auch Einnahmen zu erhöhen. Wenn sich dies nicht bessert, sind freiwillige Aufgaben auf Dauer nicht mehr finanzierbar. Dazu gehören kulturelle Veranstaltungen, aber auch die Bereitstellung und das Vorhalten von Sport- und Kultureinrichtungen außerhalb des schulischen Bereichs. Der Stadtrat wird in der Beratungsfolge im März und April über den Haushalt beraten.

Volksstimme : Was haben Sie sich in Bezug auf Ihr Amt 2010 vorgenommen ?

Dr. Zander : Wie aus den vergangenen Antworten ersichtlich ist, gibt es eine Menge Problemfälle, wo der Bürgermeister und die Verwaltung gemeinsam mit dem Rat tätig werden müssen. Die Aussagen zum Haushalt beinhalten natürlich auch die Erarbeitung eines Konsolidierungs-Konzeptes, das uns für die Folgejahre Handlungsspielraum ermöglichen soll. Darüber hinaus werden wir uns verstärkt dem Energiemanagement für die gesamte Stadt zuwenden und eine Aufgabe für viele, nicht nur für den Bürgermeister, besteht in der Zusammenführung der Ortsteile.

Volksstimme : Und – die Neugier sei erlaubt – was sind Ihre privaten Vorsätze für 2010 ?

Dr. Zander : Da sich die Familie im vergangenen Jahr um zwei weitere Enkelkinder vergrößert hat, möchte ich die wenige freie Zeit mit der Familie verbringen.