Wolmirstedt f ebert seinem großen Jubiläum entgegen. Hinter den 1000 Jahren steht eine bewegte Geschichte, auch was die bauliche Entwicklung betrifft. Einige Gebäude sind noch aus den Anfängen vorhanden, viel Altes aber ist verschwunden, Neues hinzugekommen. Für den Kreisdenkmalpfeger Erhard Jahn präsentiert sich die Jubiläumsstadt heute liebens- und sehenswert, wenn auch mit kleinen Makeln.

Wolmirstedt. " Ich gehe gerne durch meine Stadt und freue mich über die bemerkenswerte Entwicklung. Besonders in den letzten Jahren ist viel passiert, was der Kleinstadt gut zu Gesicht steht. Viel hat die Stadt selbst auf den Weg gebracht, aber noch mehr die vielen Hausbesitzer, die reichlich Geld in die Sanierung gesteckt haben. Kurz : Wolmirstedt hat sich zum Jubiläum hübsch gemacht. " Kaum jemand kann dies besser beurteilen als Erhard Jahn. Der gebürtige Wolmirstedter, 70 Jahre alt, Diplombauingenieur, war vor der Wende Produktionsdirektor beim VEB Denkmalpf ege. Außerdem ist er seit 1970 ehrenamtlicher

Kreisdenkmalpfeger. Nach der Wende hat er sich mit einem Ingenieurbüro – Schwerpunkt Denkmalpfege – selbständig gemacht.

" Wolmirstedt ging es nicht anders als anderen Städten. Bei der baulichen Entwicklung gibt es von Zeit zu Zeit Qualitätssprünge, ausgelöst durch wirtschaftliche oder gesellschaftliche Impulse ", so Jahn. Für Wolmirstedt sieht er drei entscheidende Etappen : Zunächst die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert und der französisch-deutsche Krieg 1870 / 71, wodurch Geld ins Land gespült wurde. Die bis dahin mittelalterlich geprägte Stadt veränderte sich zu der Zeit enorm. Aus dieser Zeit stammen zum Beispiel die prächtigen Wohn- und Geschäftshäuser in der Friedensstraße, August-Bebel-Straße und Bahnhofstraße. Selbst im ältesten Teil der Stadt, am Fischerufer entstanden neben den niedrigen Katen Mehrgeschosser.

Den nächsten Qualitätsschub bekam Wolmirstedt nach dem Ende des 2. Weltkrieges und besonders durch den Aufbau des Kaliwerkes ab den sechziger Jahren. Die Hochhäuser, das Bettenhaus am ehemaligen Krankenhaus, das Kulturhaus, Sportstätten, Schulen, Kaufhallen, neue Straßenzüge entstanden. " Das hatte damals durch den enormen Zuzug durchaus seine Berechtigung, die teilweise gigantische Architektur passte aber nicht in unsere kleine Stadt. "

Auch deshalb ist Jahn heilfroh, dass die Wende den dritten Qualitätssprung brachte. Den Rückbau der Hochhäuser und einiger Fünfgeschosser bezeichnet Jahn als " Normalisierung ". Zu dem veränderten Stadtbild gehören auch die vielen neuen Eigenheime. Richtig glücklich aber ist der Denkmalexperte darüber, " dass mit viel Freude und Hingabe an die Rekonstruktion alter Bausubstanz gegangen wurde ". Und auch das möchte Jahn mal deutlich sagen : " Es stimmt nicht, dass die Sanierung eines denkmalgeschützten Hauses generell teurer als ein Neubau ist. Wenn dies behutsam geschieht, kann das sogar preiswerter sein als ein kompletter Umbau mit Entkernung. " Jedenfalls konnte mit Geld von Vater Staat viel alte Baukunst in das 1000. Jahr gerettet werden. Und das bereits zu DDR-Zeiten. " So wie auch heute war nie genug Geld für den Denkmalschutz übrig, aber beispielsweise der Schlosskeller wurde schon 1988 hergestellt, einige Jahre zuvor das Museum oder das Torhaus. " Noch früher hatte man sich die historische Gaststätte, Stadt Prag ‘ vorgenommen ", zählt Jahn auf und plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen. Noch heute drehe sich ihm das Herz im Leibe um, wenn er an den Abriss des " Schwarzen Adlers " Anfang der siebziger Jahre denke. " Das wäre nicht nötig gewesen, denn das Gebäude war im Kern sogar noch besser als Schau ‘ s Hotel. " Für die historische Altstadt sei es zudem ein Verlust, dass mit der Kleinen Hinterstraße ein ganzer Straßenzug verschwand. Das betreffe auch die " Petersburg ", Wohnhäuser am Stadtrand, die dem Erdboden gleichgemacht wurde – auch wenn das keine historisch bedeutsamen Gebäude waren. Der auch schon zu DDR-Zeiten rebellische Denkmalschützer konnte einige bedeutsame Gebäude vor der Abrissbirne retten. Als der Rat des Kreises beispielsweise den Abbruch von Schau ‘ s Hotel ins Auge gefasst hatte, ist Jahn bis zum 1. Sekretär der Kreisleitung gerannt, um das zu verhindern – mit Erfolg ! Auch das Laubenganghaus als eines der ältesten Häuser stand auf der Kippe. Dafür hat sich Jahn ebenso stark gemacht wie für Auerbachs Mühle. Weil dem Besitzer das Geld für die Sanierung der Mühle fehlte, übernahm der Kreis das Objekt, vertraglich sanktioniert. Heute erstrahlen die genannten baulichen Zeitzeugen im neuen Glanz, weil sich mutige Privatinvestoren fanden bzw. der Staat Geld zur Verfügung stellte. Seinen Biss hat der Kreisdenkmalpfeger bis heute nicht verloren, auch wenn er aus Vernunftsgründen immer wieder zu Kompromissen bereit ist. " Es ist halt so, dass sich Geschmack und Anspruch ändern und auch ein denkmalgeschütztes Haus funktionell sein muss. " Trotzdem meint er, dass das alte Rathaus nicht unbedingt hätte abgerissen werden müssen. Das sei zwar kein Baudenkmal, aber von geschichtlicher Bedeutung gewesen. Jahn versteht auch nicht, dass an dieser Stelle der WWAZ seinen neuen Geschäftssitz baut.

" Der hätte besser abseits des Stadtzentrums gepasst. " Jahn nennt weitere Defzite. So sind das Stiftsgebäude oder die Schule in der Burgstraße immer noch in einem beklagenswerten Zustand. Auch der Rückbau der restlichen Hochhäuser steht auf seiner Agenda ganz oben.

Und wie lautet sein abschließendes Urteil zum Zustand der Stadt im 1000 Jahr ? " Besonders die Sanierung der Schlossdomäne, Erweiterung des Boulevards und der Rathaus-Neubau sowie der Beginn der Rettung der Jahnhalle sind wie ein Geschenk zum Jubiläum. Auch deshalb haben wir allen Grund, kräftig zu feiern. "