Luso/Bone l An Schlaf war in der vergangenen Nacht für Rainer Frischbier nicht zu denken. Zwischen 3 und 4 Uhr war der Schäfer aus Pakendorf draußen bei seiner Herde, die in der Nacht zuvor überfallen worden war. Drei tote Schafe, ein weiteres musste eingeschläfert werden, gehen wohl auf das Konto eines oder mehrerer Wölfe. Während aus amtlicher Sicht der Wolf als Täter nicht auszuschließen ist, bestehen für Frischbier keine Zweifel.

Zwischen Bone und Luso, ganz nahe an den bewohnten Dörfern, weideten Frischbiers Schafe. Den Acker der Agrargenossenschaft Bornum darf der Schäfer abhüten. Hier finden die Schafe genug Futter. Seit Jahresende war die 299 Stück zählende Herde dort. Ein mobiler Weidezaun, 1,06 Meter hoch, obwohl nur 90 Zentimeter vorgeschrieben sind, hielt die Tiere zusammen. "Den Strom habe ich mehrfach geprüft", so Frischbier. Alles war also in Ordnung.

Wolfsgeheul aus dem Wald

Wolfsgeheul war schon öfter aus dem Wald am Boneschen Teich zu hören, hatte der Schäfer von Jägern erfahren. Vielleicht hatte das die Tiere schon die Nächte vorher beunruhigt. Bei Nacht und Nebel war er schließlich gekommen, der graue Jäger, dessen Rückkehr in heimische Wälder von den einen gefeiert und von den anderen gefürchtet wird.

Eigentlich wollte Frischbier nach seinen ausgerissenen Tieren sehen, als er die toten Körper am Donnerstagmorgen fand - an verschiedenen, weit auseinandergelegenen Stellen des Ackers mit den typischen Risswunden am Hals. Das schwer verletzte Tier fand er beim ehemaligen Kindergarten von Bone. Schafe sind Fluchttiere - in Panik wurden sie wahrscheinlich über den Acker gejagt. Gefressen wurden die Körper nicht, eine Jagd, um den Jagdtrieb zu stillen. Rainer Frischbier erzählte von Wolfsspuren, die er aus Richtung Wald am Teich gesehen hat.

Polizei und Tierarzt waren vor Ort. Von der Biosphärenreservatsverwaltung Mittelelbe, Referenzstelle Wolfsschutz, war Andreas Berbig als Experte da, um sich die toten Tiere anzusehen. "Sehr prägnant", war sein erster Eindruck von den Bissen an der Kehle. Um das Rissgutachten zu erstellen, um genauere Aussagen zu machen, nahm er die toten Tier am Donnerstagnachmittag mit nach Stendal zur Untersuchung.

Gestern ließ Andreas Berbig wissen: "Eigentlich spricht alles für den Wolf". Man könne es zwar nie 100-prozentig sagen, aber die Kehlbisse waren ziemlich eindeutig, genauso wie die wenigen anderen Verletzungen. Darüber wird auch der Tierhalter informiert.

Mit dem Gutachten kann Rainer Frischbier dann auch einen Antrag auf Entschädigung an das Landesverwaltungsamt stellen. Doch zum einen ist der Schaden, die Mutterschafe waren tragend, wohl nicht wirklich aufzuwiegen und zweitens bleibt die Angst. "Die kommen immer wieder, wenn sie einmal Beute gemacht haben", befürchtet Frischbier. Mit Hilfe von Nabu-Mitarbeitern wurde am Donnerstag noch eine Art weiterer Zaun mit Flatterband um den eigentlichen Weidezaun auf dem Acker errichtet. Das hält den Wolf vielleicht ein paar Tage ab, so der Schäfer.

Ständige Angst um die Tiere

Dass man eigentlich nicht viel mehr machen kann, bestätigte auch Berbig dem Schäfer. Frischbier könnte auf eine Wiese näher an Luso mit der Herde umziehen, doch drei Kilometer sind keine Entfernung für Wölfe. "Das ist das Ende der deutschen Weidewirtschaft", konstatierte Frischbier, "die wissen nicht, was sie mit der Ansiedelung des Wolfes angerichtet haben".

Viele Anrufe von anderen Schäfern erhielt Frischbier nach Bekanntwerden des Vorfalls. Mirko Zabel aus Brambach schaute gleich selbst vorbei. Auch er hat die schlimmsten Befürchtungen und Angst um seine mehr als 600 Tiere. "Ich habe einigen schon Glocken verpasst", erzählte er.

Die Schäfer fühlen sich mit dem Wolfsproblem alleine gelassen. "Es muss erst richtig was passieren, bevor man hier eingreift", sind sie überzeugt. Kommt ein Kind zu Schaden oder geht der Wolf an die Pferde einflussreicher Leute, dann erst werde das Geschreie groß.