Schnee- und Eismassen sind gegangen, das Tauwasser ist gekommen. "Land unter!" heißt es auf Straßen und in Kellern. Besonders betroffen ist Schora.

Zerbst/Schora. "Eine Wettersituation wie in diesen Tagen hatten wir die vergangenen 20 Jahre nicht", ist sich Andreas Fischer, Bau- und Ordnungsdezernent der Stadt Zerbst, sicher. "Das sagen uns auch die Eigentümer der Gebäude." In kürzester Zeit sind Schnee- und Eismassen geschmolzen, die Flächen können das Wasser einfach nicht mehr aufnehmen.

Das bekommen natürlich auch viele Einwohner zu spüren. Am Wochenende mussten die freiwilligen Feuerwehren beispielsweise in Flötz, Niederlepte, Zerbst und Jütrichau – um nur einige Beispiele zu nennen – Keller auspumpen beziehungsweise Häuser mit Sandsäcken schützen.

Beispielsweise auf dem Grundstück bei Ingrid und Karl Stephan in Zerbst. Sie wohnen am Alten Teich 3, direkt an der Nuthe. Die beiden Rentner se-hen auch gestern fast stündlich, wie sich der Wasserstand entwickelt. "Wenn es so bleibt wie jetzt, dann kommen wir mit einem blauen Auge davon", sagt Ingrid Stephan, 72 Jahre alt. Sie und ihr Mann haben schlimme Erinnerungen an das letzte Hochwasser, da stand ihr Grundstück einen halben Meter unter Wasser. Ihr Mann, 85 Jahre alt, ergänzt: "Trotzdem, als hier am Alten Teich 2001 die große Brücke gebaut wurde, da hätten größere Rohre verbaut werden müssen. Dann hätten wir das Theater nicht. Aber es war angeblich dafür kein Geld da, dabei wäre das nicht viel teurer geworden."

"Wir haben die Gewässer gereinigt."

Und Karl Stephan sagt auch: "Zu DDR-Zeiten wurde die Nuthe immer richtig sauber gemacht. Da ist nichts passiert. Und jetzt? Gründlich ist das nicht, was da gemacht wird. In der Nuthe liegen noch immer Äste, die der Orkan Kyrill im Jahre 2007 runtergerissen hat. Und die verstopfen jetzt den Fluss."

Zuständig für die Gewässer II. Ordnung ist der Unterhaltungsverband Nuthe/Rossel in Lindau. Dessen Geschäftsführerin Birgit Bernstein sagt: "Wir haben alle Gewässer, die in unserer Zuständigkeit sind, rechtzeitig und gründlich gereinigt, beispielsweise entkrautet. Aber die jetzigen Wassermassen bringen Flüsse zum Ausufern. Deshalb mussten wir jetzt beispielsweise auch manche Weiden, die an der Böschung standen, entfernen, weil die frei gespült waren. Sie drohten in den Fluss zu rutschen und dessen Lauf zu blockieren."

Am schlimmsten war am Wochenende Schora von den Wassermassen betroffen. "So viel Wasser hatten wir zum letzten Mal 1960", erinnert sich Wanda Klarenbach. Schora hatte in den 70er Jahren und auch 1994 mit Hochwasser und Überflutung zu kämpfen, aber eben nicht so viel "und es kam wohl auch nicht so schnell", fügt Liane Franz, Bewohnerin des Grundstücks Ringstraße 46, an.

Das schnelle Tauen des Schnees und die "Tal-Lage" von Schora, so der Moritzer Bürgermeister Thomas Wenzel am späten Sonntagnachmittag, sind "schuld", dass so viel Wasser in kürzester Zeit "in unser Dorf einströmt". Von den Flur-Flächen aus den Richtungen Gehrden, Leitzkau und Buhlendorf kommt das Schmelzwasser ins Dorf, überflutet Grundstücke, dringt in Keller ein, fließt auf die Straße, überfordert die Kanalisation.

Im Bereich der Kreuzung in Dorfmitte an der Abzweigung nach Güterglück ist großflächig Land unter. Das aus Richtung Buhlendorf kommende, im Dorf mit einem Ein-Meter-Durchmesser-Durchlauf verrohrte Flüsschen Beeke fasst die ankommenden Wassermassen nicht mehr. Auch hier Überflutung.

Seit dem frühen Sonnabendvormittag sind Bürgermeister Wenzel und Ortswehrleiter Dieter Radeck im Einsatz, nehmen Kontakt mit der Zerbster Einsatzzentrale und der Wasserwacht auf. Diese Zusammenarbeit klappt recht gut, so Thomas Wenzel.

"Ortsansässige Feuerwehren haben vorhandene und neu gefüllte Sandsäcke bereitgestellt, die von einem Fahrzeug des Zerbster Bauhofes nach Schora, auch nach Kämeritz, transportiert wurden", erklärt Hans Wink, Verantwortlicher der Zerbster Wasserwehr. Damit konnten vor allem Kellereingänge und Heizungsanlagen provisorisch abgedichtet werden. Auch bei Liane Franz: "Einige Sachen hatten wir schon am Morgen höhergestellt, doch ein guter halber Meter Wasser ist trotzdem im Keller." Mit einer privat organisierten Pumpe wird ausgepumpt oder auch nur der Wasserstand gehalten.

"Wir helfen. Es geht um unsere Bürger."

Am späten Vormittag sah es so aus, "als ob das Wasser nachlässt", erzählt Anwohner Joachim Friedrich. Doch dann sei es wieder und viel stärker geworden. "Da wurde entschieden, zur Gefahrenabwehr die Moritzer Freiwillige Feuerwehr um 14.10 Uhr zu alarmieren", so der Ortswehrleiter. Später sind elf Kameraden im Einsatz. Darunter der 25-jährige Schoraer Wilhelm Gärtner: "Es ist doch selbstverständlich, dass wir gern helfen. Es geht ja um unsere Bürger."

Straßen werden gesperrt, zwei Motorpumpen TS 80 (Fördermenge 800 Liter pro Minute) kommen zu Einsatz, pumpen Wasser aus dem übergelaufenem Kanalsystem in die Beeke hinter Schora in Richtung Güterglück. Dieter Radeck gegen 16.15 Uhr: "Wir werden allein dem wiederum zunehmenden Wasser nicht mehr Herr. Auch unsere Uralt-TS 80 streikte nach über zwei Stunden Dauereinsatz."

In Absprache mit dem vor Ort befindlichen Stadtwehrleiter Jürgen Dornblut und dem Zerbster Feuerwehr-Verantwortlichen Thomas Sanftenberg wird um 16.36 Uhr die Güterglücker Freiwillige Feuerwehr alarmiert und um Hilfe gebeten. Sie rückt mit zehn Kameraden und zwei Fahrzeugen an, bringt ihre stärkeren Pumpen zum Einsatz.

Inzwischen sind auch Scheinwerfer aufgestellt. Die Zerbster Verantwortlichen vor Ort organisieren mit der ansässigen Gaststätte die Versorgung der Einsatzkräfte. Bis 22.30 Uhr dauerte der Einsatz am Wochenende in Schora. Gestern hatte sich die Lage normalisiert. Und doch: "Die Situation in Schora müssen wir noch genauer analysieren, und wir müssen überlegen, wie wir so etwas künftig verhindern können", so Andreas Fischer von der Stadtverwaltung.

Der Landkreis macht sich unterdessen Gedanken um die Straße von Gödnitz nach Flötz. Seit Sonntag wegen Hochwasser voll gesperrt, ist nun ein Teil der Fahrbahn regelrecht abgesackt. "Die Straße wird auch nach dem Rückgang der Fluten nicht wieder freigegebenen werden können", so Kreissprecher Udo Pawelczyk.

Momentan gilt in Zerbst und Umgebung die Hochwasserwarnstufe I. Ob diese erhöht werden muss, kommt auf die Wassermassen an, die in den nächsten Tagen aus Richtung Dresden zu uns fließen werden. Sämtliche Elbfähren in Anhalt-Bitterfeld haben unterdessen ihren Fährverkehr wegen des Hochwassers der Elbe eingestellt. Die aktuelle Informationen zur Hochwassersituation:

www.hochwasservorhersage.sachsen-anhalt.de

   

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