Mit dem Heimatfoto dieser Woche suchten wir das Maiswerk Zerbst.

Zerbst l "Ein sehr schönes Bild", findet Günter Neumann aus Zerbst. Natürlich hat er das Maiswerk Zerbst erkannt - das imposante Silo-Gebäde verrät den Standort sofort. Neumann kann aber auch weitere Firmen aufzählen. "In den 1950-er Jahren hatten wir hier links die Holz- und Fassbinderei Braunsdorf, die spätere VEB Holzindustrie." Sein Vater hatte dort gearbeitet. "Der Betrieb wurde mit einer stationär betriebenen Lokomotive beheizt." Weiter hinten Gebäude der Aluminiumgießerei Karl August Schüren. "Das Bild ruft alte Erinnerungen wach. Als Kinder sind wir dort viel herumgestrolcht, bis hinunter zu den Stadtfichten."

Auch Hans Schoch erkannte das Maiswerk auf dem Foto. Doch viel mehr hatte er zur ehemaligen Fass- und Kistenfabrik zu sagen. Dort hat er nämlich 30 Jahre lang gearbeitet. "Die Bebauung links im Bild gehört ja noch mit zur Fassfabrik. Vor dem Maissilo sind noch die Türme zu sehen, die mit einer Späneabsauganlage versehen waren. In dem Gebäude mit den sechs Fenstern etwa in der Mitte der historischen Aufnahme erfolgte zum Beispiel die Spanplattenfertigung so Ende der 60-er Jahre."

In Sachen Gleise kannte sich Horst Welauer aus Zerbst aus. Unter anderem hat er als Fahrdienstleiter im Stellwerk auf dem Zerbster Bahnhof gearbeit und dort auch als Kleinlokfahrer. Das Gleis rechts am Bildrand, das durch die Böschung führt, ist das Anschlussgleis für das Maiswerk gewesen. "Hinter der Böschung erkennt man auch noch Waggons stehen", berichtet der Zerbster aufmerksam. In den einen habe man die Fässer und Kisten aus der Fassfabrik verladen. "Ich bin immer auf dem Bahnhof unterwegs gewesen. Es war eine tolle Zeit und der Bahnhof war immer voll." Horst Welauer konnte sich an die zahlreichen Verladungen von landwirtschaftlichen Erzeugnissen wie Zuckerrüben erinnern. Aber auch an die Russen, die Panzer oder an Zirkusse, die ihre Tiere und Zelte verluden. "Heute ist ja ein Großteil dieser Gleise verschwunden."

"Das war das erste Bild, das ich von Zerbst gesehen habe, wenn ich mit dem Zug in die Stadt gefahren kam", wusste auch der Zerbster Detlef Teßmann, der zur Lehre nach Halle fuhr, die richtige Antwort.

Maizena für den Ostblock

Rolf-Dieter Zimmermann hat von 1975 bis 1985 im Maiswerk gearbeitet. "Das war schwere Arbeit. Da waren 75-Kilo-Säcke mit Maizena zu befüllen. Ich glaube 175 Säcke pro Mann und Schicht. Der Mais wurde importiert aus Kanada und den USA. Unserer taugte nicht für die Stärkeherstellung." Das Maiswerk wurde unmittelbar nach der Wende geschlossen. In den 1980-er Jahren waren mit diversen Puddingpulvern neben der Maisstärke noch weitere Produkte im Maiswerk hergestellt worden.

Wie schnell die Belegschaft 1990 das Werk verließ, davon hat Helga Meier (Spedition Meier) eine konkrete Vorstellung. "Wir haben das Maiswerk-Gelände 2002 erworben. Die Leute müssen den Betrieb über Nacht verlassen haben. In den Jahren danach war sicherlich einiges an Leuten in dem Betrieb. Ich glaube, dass viele ehemalige Mitarbeiter auch nach Lohnunterlagen gesucht haben. Die waren ja für die Rentenbestimmung wichtig. Daher fanden wir viele, teils sehr persönliche Unterlagen im Betrieb wüst durcheinander auf." Mancher sei nach 2002 auch zu ihr gekommen und habe nachgefragt, ob er nach alten Unterlagen suchen dürfe. "Natürlich haben wir das erlaubt. Kann doch wichtig sein", meinte Frau Meier.

40 000 Quadratmeter Maiswerk mit allen Gebäuden hat die Firma "Spedition Harry Meier" seinerzeit gekauft. Zwischenzeitlich wurden viele der Gebäude entkernt und saniert, so dass sie zum einen baulich keine Gefahr, zum anderen nutzbar sind. "Aktuell errichten wir dort die fünfte neue Lagerhalle. Dort werden Verpackungsmaterialien, Kartonagen und Gläser für andere Zerbster Unternehmen gelagert."

Körperlich schwere Arbeit

"Bei Südwind roch man das Maiswerk in ganz Zerbst", erinnert sich Hartmut Siebert. Tatsächlich waren produktionsbedingt wie auch infolge der offenen Lagerung der Mais-Reste unglaublich faulige Gerüche ein permanenter Begleiter der Maizena-Produktion in Zerbst. "Als Schüler hatte ich einmal drei Wochen im Maiswerk gearbeitet. Nach der ersten Woche hatte man sich an den Geruch gewöhnt", schmunzelt Siebert heute. "Man musste sich nach der Arbeit gehörig waschen, sonst roch die ganze Wohnung danach. Aber wenn dann die Lohntüte kam, hat man sich gefreut und alles war vergessen." Er war seinerzeit sogar einmal ganz oben auf den Maissilos. "Von dort hatte man einen sehr schönen Blick, aber mir schlotterten schon die Knie, denn da oben war man völlig ungesichert." Er habe durch die Ferientätigkeit eine hohe Achtung vor den Maiswerkern bekommen, die oft unter schwersten körperlichen Anforderungen tätig waren.

Annelie Schneider hat das Maiswerk-Areal genau wie die Kistenfabrik und vor allem das Bahngelände als Kinderspielplatz in bester Erinnerung. Eine Freundin wohnte direkt in der Fassfabrik, und "wir spielten dort sehr gern. Vor allem beim Entladen der großen Stämme für die Kisten- und Fassfabrik zuzusehen war spannend. Naja, manche Kletterei war sicherlich gefährlich und bestimmt streng verboten. Aber das macht ja bekanntlich immer am meisten Spaß!"

Annemarie Gründer kann sich gut an den Betrieb hinter dem Maiswerk erinnern: Das Drahtziehwerk. Ihr Vater war dort beschäftigt. Im Werk wurden Nägel hergestellt: Drahtenden bekamen Kopf und Spitze. Helmut Lehman ergänzte: "Im Drahtziehwerk wurde Draht auch im Querschnitt industriell verjüngt.

Horst Orlicek war im Fass- und Kistenwerk tätig. Bis 1960 wurden hier Fässer aus Buchen gefertigt. "Die gingen per Bahn an die Küste zur Fischerei." Später wurden Harrasse (Getränkekisten aus Holzleisten) hergestellt. "Dafür hatten wir eine westdeutsche Importanlage. Das war was Besonderes." Die Maschine nagelte die Harrasse automatisch zusammen. 3000 Stück pro Schicht. Das Schneiden der Leisten geschah jedoch auf Sägen. "Das Holz kam über den Seehafen Rostock aus der damaligen UdSSR zu uns.

Den Volksstimme-Preis fürs Mitmachen, einen Regenschirm, gewinnt Helga Meier.

Bilder