Lutherischer und reformierter Glaube

Der Thesenanschlag Luthers 1517 gilt als Beginn der Reformation der Kirche. Als eine der ersten Städte Anhalts schloss sich Zerbst, sein Fürst und seine Kirchen dem Glauben jenseits des Ablasshandels, der unverheirateten Pastoren an. Doch es gab den Streit wegen der Deutung des Ausspruches "hoc est corpus meus". Luther hatte übersetzt "Seht, dies ist mein Leib". Was genau aber meinte die lateinische Ur-Fassung?

Dieser Streit war Auslöser der Reformation des lutherischen Glaubens. Zwingli und Calvin in Zürich und Genf meinten, dass beim Abendmahl in den Symbolen von Brot und Wein an Leiden und Auferstehung gedacht wird, im übertragenen Sinne sei die Anwesenheit Jesu beim Abendmahl gemeint. Luther in Wittenberg beharrte auf der wörtlichen Übersetzung: Christus werde im Abendmahl durch Brot und Wein regelrecht aufgenommen.

Es obliegt den Menschen, sich einer Variante zuzuwenden. Erstmals geschah dies in Anhalt im Jahr 1606: Die Kirchen vollzogen die Abkehr von der reinen lutherischen Lehre und übernahmen das Kurpfälzer Kirchenbuch - die Kirchenordnung, folglich die Abendmahls-Prozedur nach Zwingli und Calvin. Zerbst scherte hierzu 1648 aus, als Johann Fürst in Anhalt wird und seinen eigenen Hofprediger Dürre mitbringt. Jener wollte als Superintendent das Luthertum wieder einführen. Für die selbstbewussten Zerbster war dieses Diktat nicht hinnehmbar. 1679 wird der "Zerbster Religionsrezess" (Religionsvergleich) geschlossen, denn die Lutheraner hatten keine Kirche. Er bestimmt St. Nicolai als weiterhin reformierte Kirche und vereinbart den Bau von St. Trinitatis als lutherischen Kirche, der 1696 abgeschlossen ist.

1827 fanden die Glaubensrichtungen der evangelischen Kirchen zusammen, seither spricht man von "unierten" Kirchen in Anhalt. Noch heute belegt dies das "Unionsdenkmal" in St. Nicolai.

Zerbst l Festgottesdienst am vergangenen Sonntag in St. Trinitatis, Pfarrer Albrecht Lindemann von St. Bartholomäi hält die Predigt. Thema: Die Vereinigung der Kirchgemeinden St. Nicolai und St. Trinitatis vor 60 Jahren. Lindemann: "Vor 60 Jahren haben die Gemeindekirchenräte von St. Nicolai und St. Trinitatis beschlossen, so sehr eines Sinnes zu sein, dass der Fortbestand zweier Gemeinden an einem Platze nicht mehr notwendig sei."

Der Pfarrer geht auf die Ursachen und Hintergründe ein. "Heute fragt man sich vielleicht, warum in Zerbst überhaupt so viele Kirchen stehen. Die Hofkirche St. Bartholomäi, die Stadtkirche St. Nicolai und die Klosterkirchen, allen voran St. Marien im Ankuhn - bis ins 17. Jahrhundert hinein war der Gebäudebestand üppig. Heute bilden wir sozusagen in einer Stadt ab, was für Anhalt typisch ist: Viele Kirchengebäude, immer weniger Menschen, noch weniger Christen. Wir feiern heute Gottesdienst in einer Kirche, die das Ergebnis eines Kompromisses im Zeichen der Toleranz ist."

Im 16. Jahrhundert war die Kirchenlandschaft in Zerbst in Turbulenzen geraten. Die Klöster wurden aufgelöst, Kirchen umgewidmet. Unterstützt von Fürst Wolfgang hatten die Stadträte die Reformation durchgesetzt.

Dann der Wechsel zum reformierten Glauben knapp 100 Jahre später. Fürst Johann und sein Superintendent Johann Dürre gelang es nicht, die Stadt zum Luthertum zurückzuführen. Die Zerbster zogen, so Lindemann, den Großen Kurfürst in den Konflikt hinein. Der Anhaltische Landesherr wurde darüber informiert, dass man den sich zum reformierten Glauben bekennenden Nachbarn nach seiner Meinung gefragt hatte. Das Interesse an einem Kompromiss wuchs dadurch schlagartig. St. Nicolai blieb den Bürgern als reformiertes Gotteshaus erhalten. Die lutherische Trinitatiskirche wurde gebaut, bezahlt zum großen Teil mit dem Gold der Bürger.

So lebte man in enger Nachbarschaft und feierte getrennt Gottesdienste. Bis die Napoleonischen Befreiungskriege vorbei waren. Das Reformationsjubiläum 1817 war der Anlass für Reformierte und Lutheraner in Anhalt, den Fürsten zu bitten, doch gemeinsame Abendmahlsfeiern zu erlauben. Erst in Bernburg, dann in Dessau und Zerbst beendeten die Gemeinden per Abstimmung die Zeit der konfessionellen Spaltung der evangelischen Christen. "Dieser Schritt war theologisch und kirchenrechtlich schon lange getan worden. Das Zusammenwachsen von Kirchengemeinden hat aber eben noch einige andere Hemmnisse. Wie groß werden die Zweifel der Trinitarier gewesen sein, die doch erlebt hatten, wie nebenan die Kirche mit Hakenkreuzfahnen geschmückt gewesen war?", so Lindemann.

In den Jahren nach dem Krieg waren die Zerbster Christen eng zusammen gerückt. In der Jakobuskirche fanden auch die evangelischen Gemeinden Aufnahme, auch bei Hochfesten wie der Konfirmation. Gottesdienste und Gemeindekreise fanden gemeinsam statt und man hatte festgestellt, dass die Differenzen, die einst zum Bau der Trinitatiskirche geführt hatten, längst überwunden waren.

Die Gemeindekirchenräte von St. Nicolai und St. Trinitatis einigten sich auf eine gemeinsame Parochialsatzung, die zum 1. April 1954 in Kraft trat.

1974 empfahl der damalige Kreisoberpfarrer Dietrich Franke im Zusammenhang mit einer landeskirchlichen Visitation, alle vier großen Zerbster Kirchgemeinden zu vereinigen. "Die Gemeinden werden ungebrochen kleiner. Da hilft es, nur eine zentrale Verwaltung und ein Pfarramt zu haben, darunter dann drei Seelsorgebezirke", so begründete Franke damals.