Vor 100 Jahren löste die Ermordung des österreichischen Thronfolgers eine Katastrophe aus, die gut 17 Millionen Menschenleben fordern sollte. Der Beginn des Ersten Weltkrieges hinterließ auch in Zerbst deutliche Spuren.

Zerbst l "Sieg auf Sieg" titelte die Zerbster Extrapost am 28. August 1914. Unterdessen erzählten im Inneren die Todesanzeigen vom Sterben an der Front. Weit bis in die Familien hinein waren die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges zu spüren. Wie sehr jener den Alltag der Menschen prägte, spiegelt die Ausstellung "Heimat im Krieg" deutlich wider, die derzeit im Zerbster Museum zu sehen ist. Die allgemeinen Fakten werden dabei mit Exponaten aus der Region angereichert, die einen direkten Bezug zu dieser europäischen Urkatastrophe herstellen.

Zu den Raritäten gehört der Plan des gleich mit Kriegsbeginn eingerichteten Gefangenenlagers in Zerbst. Das sonst in der Deutschen Nationalbibliothek Leipzig ruhende Dokument gewährt einen anschaulichen Einblick in die Unterbringung der militärischen und zivilen Gefangenen, von denen bis zu 16 000 das Lager durchlaufen sollten. Die ersten trafen bereits im September ein, einen Monat nach der deutschen Kriegserklärung an Russland. "Sie mussten sich ihr Lager selber bauen", schildert Museumsleiterin Agnes-Almuth Griesbach. Neben den Baracken gab es unter anderem eine "Seuchen- und Krankenbar" sowie Aborte und Küchen für die Versorgung der Franzosen, Belgier und Angehörigen anderer Nationen, die hier untergebracht waren.

Gasthöfe und Schulen wandeln sich in Lazarette

Nach dem Eintreffen wurden die Gefangenen, die drei Mahlzeiten am Tag bekamen, gegen Pocken, Cholera und Typhus geimpft. Ein aus dem Museumsbestand stammendes Foto zeigt einige von ihnen auf dem Weg zu einem Arbeitseinsatz. "Sie wurden überall eingesetzt - in der Landwirtschaft, in der Industrie", sagt Agnes-Almuth Griesbach. Wo genau, sei allerdings nicht bekannt. Dafür berichten erhaltene Zeichnungen sowie Kinderrasseln und Flaschen mit kunstvollen Strohklebearbeiten von der Freizeitbeschäftigung der Internierten.

Wer starb, erhielt seine vorläufige Ruhestätte auf dem Muchelfriedhof. "Nach Kriegsende wurden die Toten ,repatriiert`", weist die Museumsleiterin auf die Überführung in die Heimatländer hin, soweit dies möglich war. Auf dem detaillierten Lagerplan ist ein weiterer interessanter Fakt zu erkennen: "Auf der Straße nach Lindau wurden Gedenkeichen gepflanzt", bemerkt Agnes-Almuth Griesbach.

Sie selbst befasst sich derzeit noch mit einem anderen Aspekt: der Versorgung und Behandlung der Verwundeten. "Das ist eine Leistung, die man erstmal stemmen musste." Viele junge Frauen seien damals zur Krankenpflege herangezogen worden. Zugleich wurden Schulen sowie Gasthöfe und Hotels als Lazarette genutzt. Wie das genau in Zerbst ausschaute, möchte die Museumsleiterin auf einer Karte zusammentragen. Von der Schwere der Wunden erzählen bereits die Beinprothese oder auch die Brotschneidemaschine für Einarmige in einer der Glasvitrinen der Wanderausstellung.

Hinter der Front ändert sich die Gesellschaft

Doch nicht für jede Verletzung gab es ein Hilfsmittel. Agnes-Almuth Griesbach berichtet von den so genannten "Kriegszitterern", die mit einem psychischen Trauma heimkehrten. "Damit umzugehen, war recht schwierig", denkt sie dabei ebenfalls an das damalige Bild vom Mann, der als Ernährer der Familie galt und das damit erschüttert wurde. Zumal die Frauen aufgrund der Kriegsumstände selbständiger wurden. Während die Männer eingezogen waren, mussten sie arbeiten gehen und sich allein um die Kinder kümmern. Neben der staatlichen Neuordnung hatte der Erste Weltkrieg auch gesellschaftliche Umbrüche zur Folge.

Am meisten beeindruckt hat Agnes-Almuth Griesbach bei der Beschäftigung mit dem Thema vor allem, das patriotische Lebensgefühl, das die Menschen zu Kriegsbeginn erfasste und das in alle Lebensbereiche ausstrahlte - vom Kinderlätzchen für den Säugling, das einen bewaffneten Hund mit Pickelhaube ziert, über die Eroberungsbrettspiele für Kinder bis hin zum Christbaumschmuck. "Weihnachten ist eigentlich das Fest der Liebe", kann die Museumsleiterin über die "Dicke Berta" als Kugel zum Anhängen nur den Kopf schütteln. Dass mit Bomben tatsächlich Weihnachtsbäume geschmückt wurden, "hat mich betroffen gemacht", gesteht Agnes-Almuth Griesbach. Betroffen machen ebenfalls die ausgestellten Tafeln mit den zahlreichen Namen aus den Kirchen der Umgebung, die von den toten Ehemännern, Vätern, Brüdern und Söhnen berichten, die dem Krieg zum Opfer fielen.

Die Wanderausstellung "Heimat im Krieg 1914/18" ist bis zum 5. Oktober im Zerbster Museum zu sehen. Dieses ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.