Laut der aktuellen Bertelsmann-Stiftung schneidet Sachsen-Anhalt im bundesweiten Vergleich schlecht beim Betreuungsschlüssel ab. Das Ergebnis sorgt für Diskussionen. Wie aber schaut nun die Situation in den hiesigen Kitas aus?

Zerbst l Emsig bauen die Steppkes der Kita "Benjamin Blümchen" an ihrer Wasserstrecke. Die Anzahl der Kinder in der Zerbster Einrichtung des Albert-Schweitzer-Familienwerkes (ASF) ist momentan recht überschaubar. Es ist Ferienzeit. Außerdem haben die künftigen Schulanfänger das Haus bereits verlassen. "Von den 140 Plätzen werden derzeit etwa 50 genutzt", erklärt Michael Hanisch, Leiter Personalwesen. Geschlossen wird die Kita dennoch nicht. Stattdessen gibt es so genannte altersübergreifende "Not-Gruppen", so dass auch die Erzieher verstärkt Urlaub nehmen können. Denn Ausfälle deckt der Personalschlüssel, der in der seit 1. August 2013 geltenden Novellierung des Kinderförderungsgesetzes (Kifög) geregelt ist, nicht ab.

Hanisch hat sich die Mühe gemacht, die klar definierten "Fachstunden pro Kinderbetreuungsstunde" einmal auf das Verhältnis Erzieher/Kind umzurechnen. Dieses liegt im Krippenbereich demnach aktuell bei 1:6,6 (vorher: 1:6,75) und im Kindergartenbereich bei 1:12,5 (vorher: 1:14,6). Die Verbesserung fällt bei den unter Dreijährigen also äußerst gering aus, bei den älteren Kinder ist die Veränderung deutlicher. "Eine zweite Stufe wird ab 1. August 2015 erwartet", erzählt er von einer weiteren geplanten Verbesserung des Schlüssels.

Den theoretischen Fakten steht allerdings die Praxis gegenüber. "Laut Tarif haben die Erzieher Anspruch auf sechs Wochen Urlaub", erläutert Michael Hanisch. Hinzu kommen nicht planbare Ausfälle durch Krankheit. "Damit verschlechtert sich, real betrachtet, der Betreuungsschlüssel." Andererseits sind nicht immer alle angemeldeten Mädchen und Jungen da, gibt er zu bedenken. Das wirke sich jedoch nur geringfügig positiv auf das Verhältnis Erzieher/Kind aus, bemerkt Hanisch.

Auch in den Einrichtungen des Volkssolidarität Kinder-, Jugend- und Familienwerkes gibt es de facto keine Schließzeiten im Sommer. "Es sind zwar weniger Kinder da, aber wir haben trotzdem offen", erklärt Geschäftsführerin Cornelia Kurowski. Der garantierte Ganztagsanspruch sei zwar wunderbar für den Nachwuchs, "aber wir haben von Anfang an gesagt, dass die Ausfallzeiten nicht berücksichtigt sind", denkt sie dabei ebenfalls an die Weiterbildungen der Erzieher, für die in solchen Momenten kein Ersatz vorhanden ist. "Das ist ein idealisierter Personalschlüssel", meint sie mit Blick auf das Kifög.

Um das Ganze etwas abzufangen, werden in den Kitas der Volkssolidarität Arbeitszeitkonten geführt. Sind mal weniger Kinder zu betreuen, können die Erzieher früher Feierabend machen, wie Cornelia Kurowski erläutert. Von vornherein ist das nicht machtbar, sei doch morgens nicht absehbar, wie viele Kinder wirklich in die Einrichtung gebracht werden - manche sind krank, andere unternehmen mal was mit Eltern oder Großeltern.

Die Qualität der Kinderbetreuung spiegelt sich aber nicht nur im Personalschlüssel wider, sondern ebenfalls in der Qualifikation des Betreuungspersonals. Das neue Kifög legt eine Fachkräftequote von 66,7 Prozent fest, 33,3 Prozent dürfen Hilfskräfte sein wie beispielsweise staatlich geprüfte Kinderpfleger und Sozialassistenten, wie Michael Hanisch ausführt. In den Kitas des Familienwerkes sind zu fast 100 Prozent staatlich anerkannte Erzieher beschäftigt. Solch qualifizierte Kräfte würden sie sich auch in Zukunft wünschen, zielt Hanisch auf das umzusetzende Bildungsprogramm und den bevorstehenden Generationswechel ab - denn bei den Erziehern herrscht inzwischen "leider eine gewisse Überalterung". Auch bei der Volkssolidarität möchte man "so lange wie möglich mit Fachpersonal arbeiten", sagt Cornelia Kurowski. Dabei schließt sie nicht aus, auch anderen eine berufliche Chance zu geben.

Bleibt die Frage, ob der Personalschlüssel nicht durch die Träger selbst verbessert werden kann - durch Einstellung weiterer Erzieher. "Zwei Vollzeitstellen kosten zwischen 60 000 und 70 000 Euro", gibt Michael Hanisch zu bedenken. Wie er darlegt, erfolgt die Finanzierung des Kita-Angebotes über Zuschüsse von Land und Kreis sowie den Elternbeiträgen. Die Differenz muss die Stadt Zerbst tragen - allerdings muss sie nur für die "notwendigen Kosten unter Einhaltung des Mindestschlüssels aufkommen", erläutert Hanisch.