Zerbst l Zwischen Stadtmauer und Nuthe steht das große Haus, in dem seit genau 90 Jahren Elfriede Wagner lebt. Am Mittwoch feiert die Zerbsterin ihren 90. Geburtstag. Der Tisch ist festlich gedeckt. Auf dem Sofa sitzen ihre beiden Urenkelinnen Clara und Sophia. Ihr Schwiegersohn Reiner Stephan schenkt den Sekt ein. Und Tochter Kristine brüht frischen Kaffee auf.

Vier Generationen leben in dem Haus am Weinberg unter einem Dach. Elfriede Wagner ist zum Essen nie allein und das genießt die 90-Jährige. "Wir haben den ganzen Dachboden ausgebaut, jeder kann auf seiner Etage die Tür zu machen", sagt Reiner Stephan. Anders würde es auch nicht funktionieren. Elfriede Wagners Mann ist früh verstorben. Sie war von Anfang an froh über die Unterstützung ihres Schwiegersohnes. Das Geburtstagskind kann sich gut erinnern, wie das Haus zu DDR-Zeiten neu verputzt werden sollte: "Ich bin mit dem Zug extra nach Thießen gefahren, aber Putz habe ich da trotzdem erstmal nicht bekommen."

Bis der Chef ihrer Tochter davon erfuhr und "der organisierte dann Hilfe", erinnert sich Kristine Stephan. Der Zusammenhalt sei damals noch ein anderer gewesen. Und so konnten die Risse in den Wänden des 1879 gebauten Hauses doch repariert werden. Elfriede Wagner weiß noch genau, wie nach den Bombenangriffen im zweiten Weltkrieg alle Häuser rundherum zerstört waren. "Unseres blieb zum Glück verschont." Während der Angriffe diente der Keller als Schutz. "Danach haben wir immer gleich Wasser geholt, um in der Stadt zu löschen", erinnert sich die Zerbsterin.

Doch als die Fliegerangriffe starteten, sei das zu gefährlich gewesen. "Wegen des sich ausbreitenden Feuers wollte mein Vater, dass wir das Haus verlassen." Zwei Wochen lang lebte Elfriede Wagner mit ihrer Familie in einem ausgehobenen Loch. Nach dem Krieg arbeitete sie als Sekretärin des Bürgermeisters. "Wenn ich heute sehe, wie das wieder so brodelt und Kinder flüchten müssen, kann ich das nicht verstehen", sagt Wagner. Eine Träne rollt. Urenkelin Clara nimmt ihre "Tick-Tack-Oma" ganz fest in den Arm. Die schmunzelt: "Jetzt bin ich 90 und freue mich über meine Gäste."

Unter den Gratulanten: Der Zerbster Bürgermeister Andreas Dittmann. Eine Sache müsse Elfriede Wagner ihm unbedingt mit auf den Weg geben: "Die Straße war noch nie so schlecht wie heute." Der Weg entlang der alten Stadtmauer ist von Löchern durchseht, die bei Regen für tiefe Pfützen sorgen. Die Bohlen, die am Weinberg über die Nuthe führen, sind zwar neu, aber zu kurz bemessen. Deswegen kommt von der Innenstadt aus kein Auto an das Grundstück heran.

Das grenzt direkt an den schmalen Fluss. "Ich habe hier in der Nuthe schwimmen gelernt", kann sich Elfriede Wagner gut erinnern. Und auch daran, wie sie mit ihren beiden Brüdern auf dem Wasser "in Waschfässern gekahnt ist". "Da musste ich aufpassen, dass die Jungs nicht den Stöpsel ziehen, dann ist man nämlich auch mal abgesoffen." Heute ist an dieser Stelle das Wasser rot gefärbt von einer unterirdischen Rostquelle.

Und Elfriede Wagner erobert ganz andere Gewässer: "Ich bin schon elf Mal mit dem Traumschiff unterwegs gewesen." Skandinavien, Amerika, Italien - die ehemalige Mitarbeiterin der Zerbster Werkzeugmaschinenfabrik reist gern. "Mal alleine und mal mit der ganzen Familie." Die ist es auch, die sie fit hält. "Wenn man für sechs Leute die Wäsche plättet oder auch mal Essen kocht, bleibt man beweglich", erklärt Elfriede Wagner und lächelt zufrieden.