Köthen (mz) l Tausche Schokoweihnachtsmann gegen was Gesundes. Ein undenkbarer Handel? Keineswegs. Zumindest nicht in der Gemeinschaft, die Susan Klemm bei Facebook gegründet hat. "Foodsharing Köthen" nennt sich die Gruppe. Dahinter steckt ein bundesweiter Trend, der nun auch die Bachstadt erreicht hat. "Es geht darum, Lebensmittel zu verschenken oder zu tauschen", erklärt die 24-Jährige mit wenigen Worten den englischen Begriff. Was sonst womöglich ein Fall für die Mülltonne wäre, entgeht durchs Foodsharing dem Wegwerfwahn.

Am 29. Dezember hat Susan Klemm die Gruppe ins Leben gerufen. Einen Tag später gab es das erste Angebot: viermal Schmand und einmal Schlagsahne. Mittlerweile haben sich unter anderem Käse, Süßigkeiten und Wein dazugesellt. "Die ersten Sachen sind schon weggegangen", sagt sie. Auf die Idee, den Trend nach Köthen zu holen, ist die Medizinstudentin durch ihre jüngere Schwester gekommen: Sandra Klemm hat vor einer Weile bei Facebook die Gruppe "Foodsharing Halle (Saale) - Die Essensretter" entdeckt. Die hat bereits mehr als 2 200 Mitglieder. "Ich fand das ziemlich cool", sagt die 20-Jährige. Sie habe auch schon was über die Gruppe ergattert. In Halle sei das gar nicht so leicht, da es viele Interessenten gebe. Wenn es doch mal geklappt hat, macht sich die Biologiestudentin auf den Weg. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder der Straßenbahn - je nachdem, wo die Bieter wohnen. Meist würden Studenten etwas anbieten, aber eben nicht immer. Einmal, sagt Sandra Klemm, sei es auch eine ältere Dame gewesen. Die habe eine Monster-Zucchini loswerden wollen. "Wenn`s in Halle klappt, warum nicht hier", fragten sich die Schwestern, die sich nicht nur in ihrer Studienstadt, sondern auch in Köthen eine Wohnung teilen. Woher die Beziehung zur Bachstadt kommt? Susan und Sandra Klemm sind in Köthen aufgewachsen. Sie spielen Hockey in Osternienburg, sind deshalb beinahe jedes Wochenende im Lande.

"Es war eigentlich nur eine dumme Idee."

Susan Klemm Gründerin der Facebook- Gruppe "Foodsharing Köthen"

Dass Susan Klemm die Gruppe zwischen Weihnachten und Neujahr gründete, hat vor allem mit den vorangegangenen Weihnachtsfeiern zu tun. "Man macht Essen für 20 Leute und es reicht für 30", sagt die 24-Jährige und schüttelt den Kopf. Wie viel da weggeworfen worden sei ...

Sie hätte trotzdem nie und nimmer gedacht, dass sich in Köthen derart viele Foodsharing-Anhänger finden würden. Gestern Abend waren es 148. "Es war eigentlich nur eine dumme Idee", sagt die junge Frau über die Foodsharing-Gruppe. Sie hatte zunächst ihre Schwester und ihren besten Kumpel Lucas Krause in die Gruppe eingeladen, machte dann aber auch in der Köthener Runde darauf aufmerksam. Und plötzlich ging alles ganz schnell. "Ich bin gar nicht hinterhergekommen", sagt die Gründerin, die jede Mitgliedsanfrage bestätigen musste. Noch läuft es in der Gruppe ein wenig schleppend, die Mitglieder sind zurückhaltend. Nur wenige bieten Lebensmittel an oder wollen welche haben. "Es muss erst mal anlaufen", sagen sich die Schwestern.

Sie selbst gehen mit Lebensmitteln äußerst sparsam um. "Ich kaufe sehr minimalistisch ein", sagt Susan Klemm. Auch ihre Schwester versucht, möglichst wenig zu verschwenden. Natürlich wird auch mal etwas weggeworfen, daraus machen die Schwestern keinen Hehl. Sie vermeiden es aber. Schon allein des Geldes wegen, das bei Studenten bekanntlich nicht allzu locker sitzt.

In Deutschland landet jedes achte Lebensmittel im Müll. Das hat eine Studie der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2012 ergeben. Die meistenLebensmittel werden in Privathaushalten weggeworfen - und zwar rund 6,7 Millionen Tonnen im Jahr.

44 Prozent davon sind Obst und Gemüse, gefolgt von Back- und Teigwaren (20 Prozent), Speiseresten (12 Prozent), Milchprodukten (8 Prozent), Getränken (7 Prozent), Fleisch und Fisch (6 Prozent) und Süßigkeiten (3 Prozent).

Überschüssige Lebensmittel zu verteilen, hat sich die Internet-Plattform foodsharing.de zum Ziel gemacht.

Auf ihr können sowohl Privatpersonen als auch Händler und Produzenten Lebensmittel anbieten, die sonst weggeworfen werden würden.