Zerbst l "Das Sterben der Innenstadt ist hausgemacht", betont Annegret Schumann aus Zerbst in ihrem Schreiben an die Lokalredaktion. Sie hält unter anderem die Kreisgebietsreform für ausschlaggebend. "Durch die Kreisgebietsreform hat man es geschafft, dass die Gemeinden Leitzkau, Ladeburg, Lübs keine Verkehrsanbindung mehr nach Zerbst mit öffentlichen Verkehrsmitteln haben." Ohne Auto könne niemand mehr Zerbst erreichen. "Meine Mutter kann noch mit 83 Jahren Auto fahren", sie frage sich jedoch, was wird, wenn ihre Mutter das nicht mehr kann. Genauso wie es vielen anderen alten Menschen gehe. "Meine Eltern haben über Jahrzehnte die Ärzte und alle Einrichtungen in Zerbst genutzt, wie auch Einkäufe erledigt." Wäre es nicht die Pflicht der Stadtverwaltung gewesen, hier einzugreifen oder das noch zu tun, fragt die Leserin rhetorisch.

Sie meint außerdem, dass Bauobjekte wie das Gebäude der Sparkasse an der Alten Brücke viel Gewerbefläche bereithalten und in Konkurrenz zur Innenstadt stehen. "Das Thema Internetausbau steht auf der Agenda des Wahlversprechens des neu gewählten Bürgermeisters Dittmann", erinnert die Rechtsanwältin und mahnt, dass dieser noch nicht weit genug vorangeschritten ist. Das sei aber wichtig: "Die Industrieansiedlung ist unmittelbar mit schnellem Internet als Minimalvoraussetzung verbunden. Das müsste auch der Bürgermeister wissen."

Leser Rainer Frankowski ist da ganz ähnlicher Meinung: "Der Zustand der Jeverschen Straße ist das Ergebnis Zerbster Stadtbildpolitik seit der Wende", schreibt er an die Redaktion. Bis 1999 habe ein Leitbild für die Stadtentwicklung gefehlt. "Ein Innenstadtentwicklungskonzept fehlte auch noch 2010", fügt er an.

"Der Zustand ist das Ergebnis Zerbster Stadtbildpolitik seit der Wende."

Rainer Frankowski

"Am 15. April 2010 beklagte der Handelsatlas der Industrie- und Handelskammer in Zerbst eine fünffach höhere Verkaufsfläche als in vergleichbaren Städten der alten Bundesländer. Die Verkaufsflächen der Discounter waren um 17,2 Prozent auf 5795 Quadratmeter gestiegen, während sie bei Fachgeschäften um 5,3 Prozent auf 6330 Quadratmeter gesunken waren. Nach einer Umfrage würden 65 Prozent der Befragten öfter in die Innenstadt kommen, wenn die Angebotsvielfalt größer wäre. 55 Prozent fanden die Innenstadt wenig attraktiv. Von befragten Unternehmen schätzten sie nur 41 Prozent für gut ein - was allein schon Bände spricht", zählt Frankowski auf. Das Gebäude der Essensversorgung Bockemüller in der Jeverschen Straße sei baupolizeilich gesperrt worden, "weil dort schon das Dach runtergekommen war. Es ist Eigentum der Stadt und der Bau- und Wohnungsgenossenschaft Zerbst , die zwar regelmäßig Miete kassierte, aber keine Veranlassung sah, dort für Sicherheit und Ordnung zu sorgen", spitze der Karikaturist zu. Die Filiale von Mc Paper habe nicht genug Umsätze gemacht, weil die Konkurrenz der Supermarktketten erdrückend sei. "Die Bäckerei Richter gab ihre Filiale auf, weil die Miete zu hoch war. Dazu kamen Umsatzeinbußen, die allen Geschäften durch längere, umfangreiche Straßenbaumaßnahmen 2014 durch die Stadt selbst zugefügt wurden", macht sich Frankowski Luft. Weiter schreibt er: "Gar nicht erwähnt wurde in ihrem Beitrag der geplante Abriss des ehemaligen Bankgebäudes in der Jeverschen Straße, die Tatsache, dass auch die Post nur noch Gast ist und auch das Kreishaus nur noch eine Außenstelle von Köthen und Bitterfeld ist." Das Eiscafe Frens in der Jeverschen Straße werde nach eigenen Aussagen ebenfalls in diesem Jahr schließen, erzählt Frankowski. "Des Weiteren muss festgestellt werden, dass sich dieses Sterben auch schon auf dem Markt abgezeichnet hat. Ursache dafür ist eine falsche Ansiedlungspolitik, ein fehlendes Stadtbildkonzept und nicht zu unterschätzen, auch eine immer kleiner werdende Einwohnerzahl sowie eine geringe Kaufkraft", schätze er ein.

Die Begründung, es würde an den Einwohnern liegen, weil sie zu wenig in die Innenstadt kommen oder lieber im Internet kaufen, findet Frankowski "mehr als abenteuerlich." Schließlich sei doch die Frage, was eine Innenstadt attraktiv macht und was dort besser zu bekommen ist, als im Internet, schloss er seine Ausführungen.

"Das Sterben begann bereits mit der Vertreibung der Kaufmannschaft."

Annemarie Lüdicke

"Das Sterben begann bereits mit der Vertreibung der Kaufmannschaft nach dem Krieg", beantwortet Annemarie Lüdicke auf ihre Art die Frage in der Überschrift: Wann starb die Jeversche Straße? "Mit der Begeisterung für den Autoverkehr wurde das Wohnen in der engen Straße mit viel Verkehrslärm unbeliebt." Immer mehr Wohnungen haben leer gestanden, was die Wohnungsvermieter nicht zur Renovierung motivierte und keine Käufer für die Häuser anlockte. "Die Autofahrer wiederum kannten die Geschäfte in der Jeverschen Straße kaum noch, da sie die großen Parkplätze ansteuerten."

Es gebe eine kostenfreie Möglichkeit, die Zerbster Innenstadt wiederzubeleben, überlegt sie laut: "Wenn sich die Mehrheit der Zerbster für das Laufen und Fahrradfahren entschiede. Ein mehrfacher kurzer Einkauf pro Woche ist keine Zeitverschwendung, er sorgt gleichzeitig für die eigene Gesundheit, hilft zu Bewegung und Abhärtung und fördert die Kommunikation. Und ist Zerbst nicht auch eine liebenswerte Stadt?" Sie freue sich, ständig neue Baudetails zu entdecken und genieße die umfangreichen Grünanlagen. Allerdings sei es keineswegs so, dass in Zerbst alle Einkaufswünsche erfüllt werden. "Es fehlen etliche Geschäfte oder sie bescheiden sich mit einem zu engen Sortiment. Ich vermisse Kurzwaren, Wolle, Wäsche, Strümpfe, manche Schreibwaren, Delikatessen, Geflügel und Wild und ich kaufe hier kaum noch Bücher, da ich sie in Zerbst nicht anlesen kann. Wenn man Zerbst wieder zu einer beliebten Einkaufsstadt machen will, müsste man allerdings zum Verkauf am Sonnabend zurückkehren",schlägt sie vor. Das Internet könne man auch positiv sehen: für den Kaufmann biete es die Möglichkeit, selten gefragte Waren über das Internet anzubieten und sich so eine zusätzliche Einnahmequelle zu verschaffen. "Ich kaufe noch heute bei einem nicht sehr umfangreichen Geschäft, das einst in Hamburg existierte, wegen der teuren Mieten in eine kleinere Stadt wechselte und sich zusätzlich auf den Versandhandel mit Waren außerhalb des allgemeinen Trends spezialisierte", sagt Annemarie Lüdicke aus Zerbst.

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