Zerbst (dap) l Die historische Schwarz-Weiß-Aufnahme des Manufakturwarengeschäftes in der Breiten Straße 18 weckte bei Johanna Kusch ganz persönliche Erinnerungen, denn Kaufmann August Meinhard und seine Ehefrau Anna waren die Schwiegereltern ihres Bruders. Dieser befand sich 1945 im Krieg, während seine Frau hochschwanger war. "Am 4. April wurde meine Nichte in dem Haus geboren. Sie wird heute 70 Jahre alt und ich gratuliere ihr hiermit", sagt Johanna Kusch.

"Mit 16 Jahren lebten meine Schwester und ich in der Wohnung meines Bruders gegenüber in der Jüdenstraße", erzählt die Zerbsterin. Bewegend schildert sie die Ereignisse am 16. April 1945, als sich die Stadt nach dem Luftangriff in ein Flammenmeer verwandelte: "Das Haus in der Breiten Straße 18 wurde durch Bomben getroffen. Ich selbst arbeitete zu der Zeit auf dem Postamt. Familie Meinhardt, ihre Tochter, das Baby und meine Schwester wurden aus dem Keller des Gebäudes gerettet.

Der alte Herr Wirth aus der ersten Etage wollte erst nicht in den Keller, weil er nicht an so was Schlimmes glaubte. Als er es sich anders überlegt hatte, wurde er von herunterfallenden Balken auf der Treppe eingeklemmt und verbrannte dort. Herr Meinhardt hatte sich etwas verletzt und ging mit dem Nachbarn, der ihn gerettet hatte, hinüber in das Lazarett im Hotel ,Zum Erbprinzen`. Nach kurzer Zeit bekam auch dieses einen Bombentreffer ab und sie verbrannten dort", schildert Johanna Kusch und berichtet weiter: "Durch die brennende Stadt und den Schlossgarten gingen meine Schwester, Frau Meinhardt und ihre Tochter mit dem Baby im Körbchen zu Familie Richter in die Käsperstraße 67. Von dort holte mich meine Schwester nach dem Dienst ab und ich war froh, dass fast alle zusammenwaren", erklärt die ältere Dame und ergänzt: "Für die liebevolle Aufnahme und Versorgung möchte ich mich heute noch einmal ganz herzlich bei der Familie Richter bedanken und sie grüßen."

"Diesen Tag und die Zeit danach werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen", sagt Johanna Kusch.