Langweiliges Sitzungsleben ? In vielen Gemeinderäten der ehemaligen Verwaltungsgemeinschaft Elbe-Ehle-Nuthe war davon auch 2009 nichts zu spüren. Mit jeder Menge Spaß bei der Sache gingen die Frauen und Männer ihr Ehrenamt in der einen Stadt und den 20 Dörfern an.

Straguth / Lindau / Grimme / Zernitz / Reuden / Polenzko. Für gewöhnlich können zwei Typen von Gemeinderäten unterschieden werden. Die Gemeinderäte, in denen Fragen gestellt und Lösungen diskutiert werden und die Räte, in denen es eher ruhiger zugeht. Straguth gehört auf jedem Fall zum Typ A. Bei der Vorstellung des Haushaltsplanes auf der Februarsitzung stieß Kämmerin Kerstin Gudella ein frustriertes " Ich kann hier nicht ausreden " hervor. Gerade hatte sie den Ratsmitgliedern erklären wollen, dass das Stromaggregat für die Flutlichtanlage der Feuerwehr in den Vermögenshaushalt gehöre und nicht in den Verwaltungshaushalt, der eigentlich besprochen wurde, als der Gemeinderat weiter diskutierte, ob die 10 000 Euro für den Löschwasserbrunnen am Bürgerhaus – ebenfalls Vermögenshaushalt – wohl ausreichen oder zu großzügig veranschlagt sind.

Ein Machtwort musste die Kämmerin auch bei den Reparaturkosten für die Straßenbeleuchtung sprechen. 2008 waren 3200 Euro benötigt worden. Für 2009 waren 1000 Euro eingestellt. Reicht das Geld oder reicht es nicht ? Beschließen wir eine überplanmäßige Ausgabe, wenn es nicht genug ist ? " Wenn schon, dann möchte ich eine reelle Planung haben ", forderte Kerstin Gudella. Bei 2000 Euro für die Reparaturen traf man sich schließlich in der Mitte.

" Lesen sollten sie

eigentlich zuhause "

Apropos Machtworte. Der Lindauer Stadtrat Jan Bergt war auf der Versammlung im Januar noch im Gedankenaustausch vertieft, als Bürgermeister Helmut Seidler die Sitzung eröffnete. " Sind Sie damit einverstanden ?", fragte der Stadtchef. " Jawohl, Herr Seidler ", lautete die Antwort.

Den Frauen das Zepter nicht aus der Hand nehmen wollte der stellvertretende Bürgermeister Günter Thiele Mitte Februar in Grimme. " Macht mal weiter. Ich unterschreib nachher ", sagte er zu Bürgermeisterin Elke Böttge, die vom Mitwirkungsverbot betroffen war und deshalb die Sitzungsleitung an ihren Stellvertreter abgegeben hatte, und Kerstin Gudella, die den Sachverhalt zur Jahresrechnung 2005 und der Entlastung der Bürgermeisterin vorstellte. " Haben Sie noch Fragen ?", fragte sie in die Runde. " Dürfen wir noch lesen ?", fragte Ratsmitglied Holger Beiche mit dem Beschlussvorschlag in der Hand. " Lesen sollten sie eigentlich zuhause ", antwortete die Kämmerin. Die Abstimmung vorzunehmen, forderte sie Günter Thiele auf : " Ich bin nur Verwaltung. "

In Zernitz sah das kaum anders aus. Als Bürgermeisterin Birgit Jacobsen vom Sitzungstisch abrückte, um zu signalisieren, sie habe mit dem Sachverhalt nichts mehr zu tun, sagte ihr Stellvertreter und frisch gebackener Sitzungsleiter Heinz Sachse : " Ich bin jetzt ein bisschen überfordert. " Kerstin Gudella stand bereit : " Ich helfe, wenn ich kann, Herr Sachse. "

Eine besondere Überraschung hatte ein paar Tage zuvor und ein paar Kilometer weiter Bürgermeister Elard Schmidt in Reuden an Ratsmitglied Manfred Kalkofen zu überreichen. Beim Aufräumen seines neuen Büros im umgebauten Bürgerhaus war dem Gemeindechef eine Ehrenurkunde des Städte- und Gemeindebundes Sachsen-Anhalt für seinen Amtsvorgänger in die Hände gefallen – datiert aus dem Jahr 2000. Manfred Kalkofen sortierte die Urkunde zu seinen restlichen Unterlagen. Wie andere Gemeinderäte auch äußerten die Reudener harsche Kritik an der Entscheidung von Landrat Uwe Schulze, das Verbrennen von Gartenabfällen zu verbieten. " Den falschen Mann gewählt ", kommentierte Elard Schmidt und hatte die Lacher auf seiner Seite. Elard Schmidt war 2006 für die Wählergemeinschaft Kommunal Aktiv selbst als Landratskandidat angetreten.

Wahl ist das richtige Stichwort. Bei der Festlegung der Gemeindewahlleiterin und ihrer Stellvertreterin machte Bürgermeisterin Ruth Buchmann in Polenzko von ihrem Mitwirkungsverbot Gebrauch und ging zur Abstimmung in die Küche des Bürgerhauses in Polenzko.

" Dann sagen die,

wir sind doof "

" Frau Auswärtige, Sie dürfen wieder rein kommen ", rief der stellvertretende Bürgermeister Herbert Müller nach der Abstimmung. " Hast du gesagt : Außerirdische ?", fragte die Bürgermeisterin zurück. Als es im nächsten Beschluss um die Zahl der Vertreter im neuen Gemeinderat ging, las Ruth Buchmann den Beschluss vor : " ... für den Gemeindekirchen …" Wo der Versprecher hergekommen war, konnte sie sich beim besten Willen nicht erklären. Ratsmitglied Wolfgang Czipull enthielt sich der Stimme : " Das ist dasselbe, als wenn ich beschließe, morgen früh geht die Sonne auf ", erklärte er. " Es ist ein formeller Beschluss ", warb Ruth Buchmann für Verständnis. Die Grundlagen für die Beschlussfassung stehen in der Gemeindeordnung des Landes Sachsen-Anhalt. " Das ist doch Quatsch ", erwiderte Wolfgang Czipull. " Was ist, wenn wir sagen, wir wollen neun Vertreter ? Dann sagen die, wir sind doof. "