" Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist ", sagt Gunter Demnig. So hat der in Köln lebende Künstler " Stolpersteine " entworfen, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern. Gestern verlegte er in Zerbst an sechs Orten der Stadt insgesamt 27 Messingsteine. Sie halten fortan das Gedenken an Zerbster Juden wach, die den Holocaust nicht überlebten.

Zerbst. Zahlreiche Menschen kamen gestern Vormittag trotz Regens am einstigen Standort der Zerbster Synagoge zusammen. Dort, an der Ecke Brüderstraße / Wolfsbrücke, erlebte die erste Verlegung von " Stolpersteinen " in der Stadt ihren Auftakt ( eine zweite wird folgen ). Die ersten sieben der 27 zehn mal zehn Zentimeter großen Messingsteine ließ der Künstler Gunter Demnig dort ins rote Gehwegpflaster ein.

" Als Zeichen wider das Vergessen " sollen die Tafeln fortan Passanten zum Verweilen anhalten und als Mahnmal an die Opfer des Holocaust erinnern, wie Ingeborg Bräutigam erklärte. " Ein Verbrechen wie damals darf nie wieder geschehen ", betonte die Vorstandsvorsitzende des Albert-Schweitzer-Familienwerks ( ASF ) Sachsen-Anhalt. Sie dankte namentlich all den vielen Spendern, die die Aktion ermöglicht haben.

Ihren Ursprung hatte sie vor gut zweieinhalb Jahren, als sich Siebtklässler der Förderschule ( L ) Güterglück mit jüdischem Leben befassten, blickte Schulleiterin Kathrin Noack zurück. Sie beschäftigten sich mit Biografien Zerbster Juden, sahen sich ihre Wohn- und Arbeitsstätten an. Im Ergebnis entstand eine Wanderausstellung, die derzeit in der Zerbster St. Bartholomäikirche zu sehen ist. Darüber hinaus " wollten sie eine bleibende Erinnerung für die Menschen schaffen, deren Schicksal sie so berührt hat ", erläuterte Kathrin Noack, wie die Initiative " Stolpersteine für Zerbst " entstand. Im ASF fand die Schule rasch einen Kooperationspartner für das Projekt, bei dem sich neben Schülern und Lehrern der Schulsozialpädagoge Norbert Krampitz maßgeblich einbrachte.

Er schilderte gestern, wie den Siebtklässlern bei ihrer damaligen Recherche auf der Internetseite der Gedenkstätte Yad Vaschem in Israel der einjährige Junge nicht losließ, der den Holocaust nicht überlebte. Dabei handelte es sich um Denny Friedmann. Am 27. Januar 1941 in Zerbst geboren, wurde er mit seiner Familie 1942 erst ins Warschauer Ghetto und dann ins Vernichtungslager Treblinka deportiert. Dort wurden sie im gleichen Jahr ermordet.

In keinem deutschen Gedenkbuch ist Denny, seiner beiden Schwestern und Eltern bislang gedacht worden. Nun zieren ihre Namen und Lebensdaten fünf " Stolpersteine ", eingebracht an ihrer letzten Adresse, der Brüderstraße 40, dem Wohnhaus neben der Synagoge. Mit ihnen wurden gestern 22 weitere der 57 Zerbster Juden, die von den Nazis umgebracht wurden, dem Vergessen entrissen.

" Ich danke, dass sie die Erinnerung an die jüdischen Bürger ihrer Stadt bewahren ", sagte Max Privorozki vom Vorstand des Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt. Auch der Zerbster Bürgermeister Helmut Behrendt richtete ein Dankeschön an die Initiatoren dieser besonderen Gedenkform. Zugleich versprach er die mahnende Erinnerung an das düsterste Kapitel deutscher Geschichte wachzuhalten.

Mit einem kurzen Gebet, das Max Privorozki auf hebräisch und deutsch sprach, endete die von jüdischer Musik umrahmte Zeremonie am ersten Verlegeort und die Teilnehmer zogen weiter zum nächsten.

• Brüderstraße 40 : Leopold Spier, Recha Spier, Joel Fried mann, Berta Friedmann ( geb. Dudowitz ), Sonja Friedmann, Ilse Friedmann, Denny Friedmann

• Brüderstraße 46 : Kurt Freudenberg, Ida Freudenberg ( geb. Hammerschlag )

• Wolfsbrücke 35 : Hermann Tikotzki, Hanna Tikotzki, Elise Michels ( geb. Jacobson ), Frieda Maerker ( geb. Jacobson ), Dora Spanier ( geb. Michels ), Hermann Spanier

• Mühlenbrücke 14 : Margarete Schlesinger, Rosa Schlesinger ( geb. Borchert ), Willy Schlesinger

• Breite 37 : Max Rosenstiel, Rosa Rosenstiel ( geb. Levy )

• Karl-Marx-Straße 3 : Frieda Wachtel ( geb. Bacharach ), Max Wachtel, Julius Wachtel, Hildegard Wachtel ( geb. Weil ), Salli Wachtel, Joseph Wachtel, Ida Weil ( geb. Wachtel )