Im Dessauer Therapiezentrum " Bethanien " soll dieses Jahr eine alte Tradition aufleben. Gemeinsam wollen einige der alkoholkranken Männer, die dort betreut werden, eine Erntekrone binden. Im Vorfeld holten sie sich Rat beim fünffachen Landessieger, dem Erntekronenteam aus Nutha.

Nutha / Dessau. Wer einmal damit anfängt, den packt das Erntekronenfieber, prophezeit Roswitha Schrödter den Männern. Sie spricht da aus Erfahrung. Jedem im Nuthaer Erntekronenteam ist es bislang so ergangen. Trotz des enormen Aufwandes sind die Mitglieder jedes Jahrs aufs Neue voller Elan mit dabei. Und ihr Einsatz zahlt sich aus. Bereits fünfmal kam die schönste Erntekrone Sachsen-Anhalts aus Nutha.

Gern schlüpfen die mehrfachen Landessieger in die Rolle des Lehrmeisters und geben ihr Wissen weiter. An diesem Freitagnachmittag ist eine Gruppe vom Therapiezentrum " Bethanien " aus Dessau angereist, um sich in den alten ländlichen Brauch einweihen zu lassen. " Adventskränze haben wir schon gebunden ", erzählt Rainer Schulze, dass sie sich nun eine Erntekrone vornehmen wollen. Eine solche fehlt noch beim alljährlichen Erntedankfest, das die Einrichtung des Diakonischen Werks Bethanien immer am 3. Oktober feiert.

Zum Therapiezentrum gehören neben sechs Suchtberatungsstellen mehrere betreute Wohnungenundein Übergangswohnheim, wo alkoholkranke Männer Hilfe und Unterstützung finden. " Unser Hauptziel ist es, die Männer zu beschäftigen ", berichtet Rainer Schulze, wie Arbeit bei ihnen als therapeutisches Mittel eingesetzt wird. Er selbst ist Arbeitstherapeut in der zentrumseigenen Gärtnerei und kam auf die Idee mit dem Erntekronenbinden. Eine Idee, die sozusagen direkt vor seiner Haustür lag. Rainer Schulze wohnt in Niederlepte, das als Ortsteil zur Ortschaft Nutha gehört.

Begleitet von Ergotherapeutin Melanie Schildhauer ist er nun mit sechs Männern in das Nuthaer Kornmuseum gekommen. Seit der Einweihung im November 2007 veranschaulicht das Museum den Besuchern nicht nur das frühere Leben auf dem Lande. Zugleich bietet das mit Fördermitteln aus dem europäischen Leader-Plus-Programm errichtete Gebäude dem Erntekronenteam ein Domizil. Und das ist offensichtlich. Unterhalb der Decke des kleinen Ausstellungsraums befindet sich eine ausgeklügelte Aufhängung für das Getreide.

Roggen, Weizen, Gerste und Hafer gehören in eine traditionelle Erntekrone, erläutert Roswitha Schrödter den Männern. Einen halben Pkw-Hänger voll von jeder Getreideart empfiehlt sie ihnen. " Am besten erntet man das Getreide mit der Sichel. " Dabei sollten sie mit der langgrannigen Gerste besonders sorgsam umgehen. " Gerste ist wie ein rohes Ei zu behandeln ", verdeutlicht Roswitha Schrödter.

Ist das Getreide eingefahren, beginnt das aufwendige Putzen der Ähren. Auf eine Länge von 15 Zentimeter schneiden die Nuthaer die Halme, die sich später in der bis zu 80 Kilogramm schweren Erntekrone wiederfinden.

Das Binden der Krone erfordert vor allem Kraft, weiß " Chefbinderin " Schrödter gut. " Und immer das frische Getreide nehmen ", rät sie ihnen von schon länger getrocknetem Getreide ab. Auch von künstlichen Blumen zum Verzieren der Krone sollten sie die Finger lassen. Die auf dem Feld so schön anzuschauenden Kornblumen eignen sich ebenfalls nicht, erklärt ihnen Roswitha Schrödter. " Können wir kleinen Ziermais verwenden ?", hakt einer der Männer nach. " Das ist möglich ", entgegnet die Nuthaerin. " Wichtig ist, dass ihnen ihre Krone gefällt ", betont Roswitha Schrödter. " Sie müssen es einfach ausprobieren ", wendet sie sich an den motivierten Trupp, der schon die Teilnahme am Erntekronenausscheid vor Augen hat.

Zurück in Dessau, werden die Männer zuerst ihre handwerklichen Fähigkeiten beim Bau eines Kronengestells unter Beweis stellen. Auch eine Halterung zum Aufhängen der Ähren müssen sie anfertigen, bevor es zur Getreideernte hinaus auf den Acker geht. Und so viel Zeit bleibt ihnen da gar nicht mehr. Bereits ab Juni halten sie immer Ausschau, wo die schönste Gerste wächst, erzählt Roswitha Schrödter. " Und wenn sie doch noch Fragen haben, kommen sie einfach wieder vorbei ", verabschiedet sie die Männer nach dem geselligen Kaffeetrinken.