"Du bist spitze!" Acht Kandidaten bewerben sich um den Titel "Lokalmatador 2010". Den Sieger ermitteln einzig die Volksstimme-Leser mit dem Abstimmungs-Coupon. In den nächsten Wochen stellen wir alle Kandidaten mit ganz persönlichen Geschichten vor. Heute: Dr. Christoph Kaatz aus Loburg.

Loburg. "Das kann doch wohl nicht wahr sein!", Dr. Mechthild Kaatz ist außer sich. "Ich rufe Sie später zurück", sagt sie in den Telefonhörer und legt auf. Dann dreht sie sich abrupt zu ihrem Mann um. "Die fällen doch die Bäume in Zeppernick", schüttelt sie den Kopf. "Haben die denn gar nichts begriffen?", fragt sie. Monatelang hat das Ehepaar Kaatz zusammen mit anderen versucht, die Bäume zu retten. Doch jetzt fallen sie den Sägen zum Opfer. Eine Straße soll verändert werden. "Das hätte man alles auch anders lösen können, die Bäume mussten nicht sterben", meint Dr. Christoph Kaatz. "Da reden alle vom Naturschutz und dann machen sie aus diesen Sauerstoffspendern Kleinholz!", wendet sich Mechthild Kaatz ab.

Loburgern zu erklären, wie wichtig der Erhalt der gesunden Natur der gesamten Familie Kaatz ist, hieße Störche auf deren Hof zu tragen. Die Familie, der Storchenhof sind ein Begriff bei Naturschützern in aller Welt. Zwei Frauen klingeln an der Hoftür, wollen sich umsehen. Für Dr. Kaatz kein Problem, er schiebt eine Führung ein, erläutert die Lebensweise der Weißstörche, ihr Zugverhalten, die Gefahren, denen sie ausgesetzt sind. Und weshalb sie ein ganz wichtiger Indikator sind. "Die Störche zeigen uns, wie intakt unsere Natur ist oder eben auch nicht. Beispielsweise muss die Elbe so bleiben, wie sie ist. Wir brauchen die großen Umflutgebiete, kein Quadratmeter darf mehr verloren gehen. Da wachsen Pflanzen, da leben Kleintiere, da finden auch Störche noch genügend Nahrung. Dieses natürliche Gleichgewicht darf nicht zerstört werden."

Er nennt Zahlen. "Nachdem beide deutsche Teile eins waren, wurde festgestellt, dass 75 bis 80 Prozent der Störche im Osten zu Hause waren. Das muss uns zu denken geben." Und: "Überall bestimmen zunehmend Mais und Raps das Bild auf den Feldern. Und wo bleibt die Artenvielfalt. Wie sollen sich da kleine Lebewesen und auch die Störche noch ernähren?" Noch leben im Osten Deutschlands die meisten Störche, dieses "Tafelsilber der Natur". In Sachsen-Anhalt sind rund 550 Storchenpaare zu Hause. "Aber gerade in Mecklenburg-Vorpommern hat sich der Bestand auch um 25 Prozent verringert. Auch weil gerade dort immer mehr Raps und Mais angebaut werden."

Das sei ein Alarmsignal. "Deutschland hat rund 4000 Storchenpaare. Das zeigt, welche Verantwortung wir für sie tragen. Auch deshalb müssen wir es noch viel besser lernen, im Einklang mit der Natur zu leben." Dann spricht er einen einzigen Satz aus, der den gesamten Inhalt seines Lebens zu bestimmen scheint: "Wir müssen die Schöpfung bewahren", sagt der bekennende Christ.

Schon wieder klingelt das Telefon. Das Büro des Landwirtschaftsministers Sachsen-Anhalt ist dran, möchte eine Auskunft. Die gibt Dr. Christoph Kaatz. "Das Telefon klingelt den lieben langen Tag. Wir führen ein sehr aufregendes Leben", lacht er.w

Dieses "aufregende Leben" führt das Ehepaar Kaatz spätestens mit der Gründung der Vogelschutzwarte, das war 1979. Damals machten die Beiden das noch ehrenamtlich – elf Jahre lang. "Dann kam die Wende und wir mussten uns für den Storchenhof etwas überlegen", erinnert sich Christoph Kaatz. "Seither wird er durch einen Verein getragen, auch eine Stiftung wollen wir ins Leben rufen, arbeiten daran, sie finanziell auf ein festes Fundament zu stellen."

Zu diesem festen Fundament hat Dr. Christoph Kaatz mehrfach beigetragen. Beispiels-weise als er sich zu seinem 70. Geburtstag 2009 anstatt Geschenken und Blumen Geld für die Stiftung wünschte. "Dass dabei rund 5000 Euro zusammen kommen würden, hätten meine Frau und ich niemals gedacht", freut er sich noch zwei Jahre später.

Auch sein Leben mit und für den Loburger Storchenhof ist für ihn ein Geschenk, eines allerdings, das er sich gemeinsam mit seiner Familie gemacht hat. "Es ist sinnerfüllend. Ohne meine Frau hätte ich das alles nicht geschafft. Zusammen mit unserem Sohn Michael machen wir alles. Ein schönes Gefühl."

Zu dem schönen Gefühl gehört es, dass sich Dr. Christoph Kaatz einen weiteren Traum auf dem Storchenhof erfüllt hat. Vom Aussterben bedrohte Rassen – beispielsweise Puten, Tauben und Schafe – züchtet er hier. "Eine Arche sind wir aber nicht", sagt der Vorsitzende des Vereins. "Auch ein Gnadenhof für Störche sind wir nicht. Wir wollen kranke Störche wieder flugfähig machen, sie auswildern." Mit den anderen Tieren, beispielsweise mit den Hühnern, wollen wir den Kindern zeigen, dass die Eier nicht aus dem Supermarkt kommen, sondern gelegt werden."

Rund 7000 Besucher zählte der Storchenhof 2010. "Ein gutes Ergebnis, aber wir hatten schon mal bis zu 10 000 Gäste jährlich", resümiert Christoph Kaatz. "Leider kommen weniger Schulklassen, sicher auch weil die Eltern das Geld sehr zusammenhalten müssen."

Viel könnte man über Dr. Christoph Kaatz und seine Familie noch schreiben. Über Prinzesschen beispielsweise, die wohl berühmteste Störchin der Welt, und über den Tag als er das Bundwesverdienstkreuz bekam. Aber für alles reicht ein Zeitungsbeitrag nicht, dafür würde vielleicht nicht mal ein Buch reichen. Denn der Mann führt ein "aufregendes Leben", wie er selbst sagt.