In Deutschland sind nach einer Studie der Universität Hamburg rund vier Prozent der Erwachsenen totale sowie 14 Prozent funktionale Analphabeten, das heißt sie können nicht normal schreiben und lesen. Auch in Zerbst gibt es Erwachsene, die kaum oder gar nicht lesen und schreiben können. Seit sechs Jahren bekommen diese Menschen Hilfe von einer Frau. Diese Frau ist Marlies Haase.

Zerbst. Erich Heinrich sitzt beim Optiker Preuss. Neben ihm ist Marlies Haase. "Ohne sie würde ich hier nicht sein", nickt der 57-Jährige. "Das traue ich mich nicht allein, ich weiß ja nicht, wie das geht." Marlies Haase nimmt die Hand von Erich Heinrich. "Das kriegen wir schon hin", ermuntert sie ihn. Und das bekommen sie natürlich, und Erich Heinrich hat demnächst eine neue Brille. "Die darf aber nicht kaputtgehen", strahlt er den Optiker an.

Erich Heinrich war Analphabet. Jahrelang hat er Pferdeställe ausgemistet, sich um die Tiere gekümmert, sie gestriegelt und gefüttert. Jetzt lebt er von Hartz IV, hat keinen Kollegenkreis mehr. Aber er hat einen Menschen, der sich um ihn kümmert. Seit sechs Jahren fährt er einmal die Woche mit seinem Fahrrad von Roßlau nach Zerbst zu ihr. Bei Sonne, Regen und bei eisigen Minusgraden. Die Frau, für den sich diese Anstrengung lohnt ist Marlies Haase. Seit sechs Jahren bringt die ehemalige Schuldirektorin an der Kreisvolkshochschule Analphabeten das Schreiben und Lesen bei. "Ich wollte nach meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst meine Hände nicht in die Schoß legen, wollte noch etwas Sinnvolles machen."

Als sie gefragt wurde, ob sie sich die Arbeit mit Analphabeten vorstellen könne, sagt sie sofort zu. Seitdem hat sie elf Schülerinnen und Schüler in ihrem Kurs. "Wir treffen uns jeden Freitag für sechs Stunden", so die Frau, in der viele ihrer erwachsenen Schüler viel mehr sehen als "nur" eine Lehrerin für das Lesen und Schreiben. Sie ist für sie auch eine Lehrerin für das Leben.

Jetzt geht es um Geld für eine Klassenfahrt

Erich Heinrich beispielsweise traut sich jetzt allein, Geld vom Automaten abzuholen. Er kann die Zahlen lesen - und verstehen, was sie bedeuten. Er lernt auch mit Geld umzugehen. "Viele meiner Schüler wissen nicht, welcher Wert hinter einer Zahl steckt, die auf dem Geldschein steht, sie wissen nicht, was billig ist und was teuer", weiß Marlies Haase. "Ich habe große Bilder gemalt, sie auf dem Tisch verteilt und den Frauen und Männer so erläutern können, wieviel Wert die Scheine haben."

Wer nicht schreiben kann, der kann auch keine Anträge ausfüllen. "Viele der Schüler würden wichtige Hilfen nicht bekommen, nur weil sie die Formulare nicht lesen können", ist eine weitere Erfahrung, die Marlies Haase gemacht hat. Deshalb geht sie mit ihren "Schützlingen" zu den Ämtern, gibt so Lebenshilfe, Hilfe zum Leben.

Jetzt ist sie dabei, Unterstützung für ein Schulkind aus der 7. Klasse zu besorgen. Es geht um eine Klassenfahrt. Die Mutter des Kindes liegt mit ihrem Einkommen etwas über dem Hartz IV-Satz, bekommt aber Wohngeld. "Und weil sie das Wohngeld bekommt, müsste das Kind auch die finanzielle Unterstützung für die Klassenfahrt bekommen. So steht es jedenfalls im Bildungspaket, dass die Bundesregierung ja gerade verabschiedet hat", so Marlies Haase. Allerdings waren ihre Bemühungen bisher noch nicht von Erfolg gekrönt. "Ich bin von einem Amt zum anderen gelaufen, aber keiner konnte mir Auskunft geben, wie und wo das Geld zu beantragen ist." Aber aufgeben wird sie auch in dieser Sache nicht - so viel steht fest.

Anderen, Schwächeren zu helfen, das ist das Lebenselixier von Marlies Haase. "Das gehört doch einfach zum Leben", sagt sie. "Das ist wirklich nichts Besonderes, das muss man doch einfach machen."

Einfach machen, das heißt für sie jetzt schon Kerzen zu sammeln, damit sie mit ihren Schülern Ende des Jahres wieder Gestecke basteln kann. Einfach machen heißt für sie auch, wieder Sponsoren für ihren Analphabeten-Unterricht zu finden, denn der ist für die erwachsenen Schüler kostenfrei - aber auf keinen Fall umsonst.