Zerbst. Mit festem Griff hält Hilde Rieckmann Bilder in ihren Händen. Einzeln legt sie sie auf den Tisch. "Schauen sie hier, hier sieht man das Schloss noch in seinerganzen Pracht", zeigt sie eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. "Und das hier ist die Alte Brücke. Im Sommerwar es eine Pracht, durch diese Straße zu gehen, weil es überall so schön grünte und blüte", schwärmt Hilde Rieckmann von ihrem Zerbst.

Das Lächeln verfliegt, ihre Gedanken schweifen in das Jahr 1945 ab. Ihre Miene wird ernster."Bereits am Sonnabend habe ich die erste Bombe, die über Zerbst abgeworfen wurde, gesehen",sagt sie. Der Flieger sei so tief geflogen, dass sie den Piloten noch sehen konnte.Die damals 25-Jährige stand am Fenster ihrer Wohnung in der Mühlenbrücke.Es war Sonnabend, der 14. April, als sie das Flugzeug aus Richtung Bone auf Zerbst zukommen sieht.Seit Freitag herrschte Daueralarm in Zerbst "Es war ein schöner Tag", erinnert sie sich.Einem spielenden Kind auf der Straße rief sie noch zu, es solle wieder reingehen."Die Bombe trudelte auf einmal hinter dem Flugzeug langsam hinterher. Bis sie einschlug", erzähltdie heute 91-Jährige mit ruhiger Stimme.

Ihr Blick wirkt, als sehe sie die Szene wieder. In der Alten Brücke trifft die erste Bombe ein Porzellangeschäft, erinnert sie sich. Das Inhaber-Paar wurde wohl nicht wieder gefunden.

Erst etwas später am Tag suchte sie den Luftschutzkeller auf. "Da sah ich bereits das Neue Hausbrennen. Es hatte keine weitere Bombe eingeschlagen, daher schätze ich, wird das Haus durchBeschuss in Brand gesetzt worden sein." Zu dem Zeitpunkt waren die Stadttore alle verschlossenund mit Baumstämmen verrammelt.Die Nacht verging. Die 25-Jährige teilte sich den Keller mit etwa 15 bis 20 anderen Menschen.Alle aus der Nachbarschaft, man kannte sich.

"Jeder hatte einen Sitzplatz", erzählt sie. An dem folgenden Sonntag erinnert sie sich auch noch genau: "Es war ein herrlicher Sonnentag,ganz beschaulich. Die Aufklärer kreisten den ganzen Tag", beschreibt sie die Ruhe vor dem Sturm. Kurz hatte sie sich einmal raus getraut, um nach der Lage zu sehen. Jeder war neugierig, jeder wolltewissen, was draußen vorging. Dann folgte die Nacht. Es gab kaum Licht, und obwohl man sich kannte, wurde nicht viel geredet. "Jeder hatte da mit sich zu tun, mit der Ungewißheit,was passiert und der Gewissheit, dass, egal was passiert, man dem preisgegeben ist", beschreibt die Zerbsterin das Gefühl. Sie kannte die grausamen Auswirkungen des Krieges schon. 1942 hattesie bereits einen Großangriff auf Rostock mitgemacht. Kannte die Bilder der zerstörten Straßen, die Not der Menschen, die kein Strom, kein Gas, keine Versorgung und keinen Unterschlupf hatten.

Montagvormittag spähte sie wieder raus. "Es war schönes Wetter und dann rumpste es. Die Türen undFenster schlugen durch die Druckwellen auf", erzählt die ehemalige Erzieherin. "Nochmal nicht!Nochmal nicht! Hab ich immer gesagt."

Nach dem Angriff gingen sie auf die Straße. Von der Mühlenbrücke aus bis zur Nute standen noch Häuser. Rechts davon waren nur noch Trümmer. "Das zu sehen ist ein so grausames Gefühl, dass man es nicht beschreiben kann...Die Bomben haben alles mitgenommen."Überlebende eilten über die Straßen, suchten nach ihren Häusern, nach Habseligkeiten, die nicht zerstört wurden. "Manche fanden noch Möbelstücke, andere nur ausgebrannte Eierbecher. Mehr war ihnen von ihrer Wohnung nicht geblieben."Hilde Rieckmann verließ noch am gleichen Tag Zerbst - zusammen mit fünf anderen Frauen und drei Kindern.An der Stadtmauer, die Friedrich-Naumann-Straße entlang Richtung Bone.

In Bone wollte ihnen niemand Unterschlupf gewären. Die Nacht verbrachten sie im Boneschen Busch. "Wir sammelten Reisigund betteten uns in einer Kuhle. Das Wetter war mild, trotzdem nahmen wir die Kinder in die Mitte,damit sie es warm hatten", erinnert sich Hilde Rieckmann an diese Nacht. "Es raschelte überall,wir waren bestimmt nicht allein. Und vor dem Wäldchen hörte man Schüsse - es war grausam."

Am nächsten Tag kam die kleine Gruppe in Grimme unter - kurz bevor ein Regenguss vom Himmel kam.

Der Beschuss auf Zerbst hielt noch Tage an. "Da wurde noch so manches zerstört, was nochheil war", ist sie sich sicher. Hilde Rieckmann kehrte wenige Tage später wieder nach Zerbst zurück undgeriet dabei selbst in den Beschuss. Verletzt wurde sie in das völlig überfüllte Krankenhausgebracht. Letztlich aber vielleicht auch eine glückliche Fügung.Denn zwar vorerst in Grimme gerettet, wusste Hilde Rieckmann nicht, wo ihre Eltern waren oder ob sie überhaupt noch lebten. Zurück in Zerbst undim Krankenhaus, fanden die Eltern ihre Tochter wieder und bezogen wenig später mit ihr ihre nicht zerstörte Wohnung.

 

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