Das Wetter schlägt seine Kapriolen. Verursachten die hohen Grundwasserschäden im Winter und Frühjahr Ausfälle bei der Aussaat, leiden die Pflanzen jetzt unter fehlenden Niederschlägen.

Zerbst. Heinz-Jürgen Dörfler wirft einen prüfenden Blick auf den jungen Mais. "Die Pflanzen brauchen jetzt keinen Regen", sagt der Milchbauer, der den Mais anbaut, um Futter für seine 120 Kühe zu bekommen. Auf 160 Hektar hat er Getreide, Wiese und eben Mais. Kein Regen? Aber die Landwirte klagen doch über die Trockenheit. "Ja", sagt Dörfler aus Zernitz. "Das Getreide braucht den Regen, das Korn geht schon in die Notreife. Aber der Mais muss die Wurzeln in der Tiefe bilden. Und das geht am besten, wenn es nicht regnet, weil in der Tiefe des Bodens das Wasser ist."

Auf dem Nachbarfeld dagegen reckt sich das Sommergetreide gen Himmel und wartet auf Wasser von oben. Und auch der Dünger um den Mais herum kann das Wasser gebrauchen, um sich aufzulösen. So unterschiedlich die Bedürfnisse der Pflanzen, so unterschiedlich ist auch die Wassersituation auf den Feldern um Zerbst.

Bei der traditionellen Flurfahrt im Zerbster Bereich Mitte Mai war es deutlich sichtbar: "Die Trockenschäden haben wir aus dem Bus heraus bei der Fahrt gesehen", erinnert sich Heinz Vierenklee, Geschäftsführer des Bauernverbandes Anhalt. Und auch für die Fahrten im Bitterfelder Bereich erwartet er kein anderes Bild. "Wir brauchen Regen und nochmals Regen, damit nicht noch mehr Verluste kommen." Schon jetzt spricht Vierenklee von einem 50-prozentigen Ernteausfall beim Raps. "Beim Weizen sieht es nicht viel besser aus."

Das bestätigt auch Hans-Joachim Wuttig. Der stellvertretende Vorsitzende des Bauernverbandes Anhalt und Geschäftsführer der AgriCo Lindau betont, dass man die Situation jedoch nicht verallgemeinern könne: "Es ist von Schlag zu Schlag unterschiedlich." So gebe es Landwirte, die bis zu 80 Prozent Ausfälle beim Raps erwarten, andere gar keine. Im Schnitt spricht Wuttig von 25 bis 40 Prozent Verlust. Abhängig sei das im Zerbster Gebiet von den Böden selbst. Die leichten Sandböden speicherten kaum Wasser, besser sieht es auf den so genannten Übergangsböden aus, die einen höheren Lehmanteil hätten.

Ursache für die schlechten Erwartungen der Bauern sind die Wetterextreme in Bezug auf die Feuchtigkeit. Die hohen Grundwasserstände im Winter und zu Anfang des Frühjahrs hatten ein Teil der Aussaat zerstört, so dass oftmals zweimal gesät und gepflanzt werden musste. "Nach dem nassen Winter hatten wir seit März mit Trockenheit zu kämpfen", so Wuttig.

Die Niederschläge der vergangenen Tage konnten das nicht mehr ausgleichen. "Für die stark geschädigten Flächen kam der Regen zu spät", sagt der Landwirt aus Lindau. Für die besseren Böden war der Regen jedoch wichtig, damit die Rüben, der Mais und das Sommergetreide weiter wachsen können. Problematisch ist es dort, wo Gewitter oder Hagel die Pflanzen beschädigt hätten.

Schon jetzt ist klar: Die Landwirte werden auf den Verlusten sitzenbleiben. Und der Preis am Markt steigt wegen des geringeren Angebotes an. "Aber das wird die Verluste nicht kompensieren. Denn wer nichts anzubieten hat, kann auch keinen Profit machen", so Wuttig. Trotzdem würden er und seine Kollegen jetzt nicht ins Jammern verfallen. "Wir arbeiten unter freiem Himmel und müssen mit den Extremen fertig werden." Es sei allerdings ein kompliziertes Jahr.

Zusätzlich zu den Extremen in Sachen Witterung kommt eine Verlagerung des phänologischen Kalenders. "Wir verzeichnen 25, 26 Tage mehr Vegetation", erklärt Wuttig. So sei zu erklären, dass zum Beispiel Kirschen früher reif werden. "Bei anderen Pflanzen, zum Beispiel Roggen, ist der erste Blütenstaub am Wochenende in der Luft gewesen, so wie es sein muss." Das Mehr an Vegetationszeit bringt theoretisch auch eine Ertragssteigerung. "Wenn nicht wie jetzt die Witterung wiederum für Ausfälle sorgen würde", sagt Wuttig.

Grundsätzlich steuert aber auch bei der Landwirtschaft die Nachfrage das Angebot. Unter diesen Gesichtspunkten müssten sich die Bauern trotz der Wetterkapriolen auf den Markt einstellen und das anbauen, was der Verbraucher wünscht und wofür er zahlt, meint Wuttig.