Magdeburg/Berlin l Ihre Werksliste und auch die der Preise und Auszeichnungen, mit denen Anja Tuckermann bereits bedacht wurde, beeindrucken. Jetzt ist die 51-Jährige noch um einen Förderpreis reicher; eine Jury aus Schriftstellern und Stadtpolitikern erwählte die Berlinerin aus 61 Bewerbern zur Magdeburger Stadtschreiberin 2014.

Tuckermann, die ihre Wahl bereits angenommen hat, wird das Amt, an das sich ein Förderstipendium (1200 Euro im Monat) und die freie Nutzung einer Wohnung in der Innenstadt knüpfen, vom 1. März bis zum 3. September 2014 ausfüllen.

"Nur einmal im Theater" sei sie zuvor in Magdeburg gewesen, sagt Tuckermann auf Nachfrage, weiß aber doch schon etwas mehr über ihre künftige Heimat auf Zeit. "Ich freue mich auf die Elbe- landschaft und mich interessiert die große Stadtgeschichte. Ich weiß, dass Magdeburg eine zerstörte Stadt ist und nicht viel Altes übrig." Sie sei gespannt auf die Magdeburger Archive; "ich liebe es, zu recherchieren". Die alten Industriebrachen finde sie reizvoll. "Manche finden die nicht schön, aber ich sehe sie mir gerne an." Ins Theater wolle sie natürlich gehen: "Magdeburg hat ja viele Theaterhäuser und auch ein Puppentheater." Und natürlich wolle sie Menschen kennenlernen. "Ich freue mich auf Begegnungen, zum Beispiel bei meinen Lesungen."

Zur Bewerbung um das Stadtschreiberamt habe sie nicht zuletzt die Aussicht bewogen, für ein halbes Jahr ohne wirtschaftlichen Druck in Ruhe arbeiten zu können. "Es ist schon schön, mal ein regelmäßiges Einkommen zu haben", sagt die freie Autorin, die bereits 1998/99 in Berlin-Hellersdorf und 2000/2001 im thüringischen Ranis das Amt der Stadtschreiberin inne hatte. Einzutauchen in die Umgebung sei dort wie auch in Magdeburg ihr Anspruch - sowohl in die Geschichte als auch in die Gegenwart.

Welcher schriftstellerischen Arbeit sie sich in Magdeburg widmen möchte, darüber hat Anja Tuckermann unmittelbar nach ihrer Bestellung zur Stadtschreiberin noch keine genaue Vorstellung, "aber ich habe ein paar Projekte in der Schublade, mit denen ich mich schon lange beschäftigen wollte". Aktuell arbeite sie am Libretto für eine Oper. Ein Komponist hat die Autorin dazu eingeladen: "An einer Oper versuche ich mich zum ersten Mal."

Die opulente Werksliste der Anja Tuckermann verrät eine große Vielseitigkeit der Autorin und, dass die Frau keine Scheu vor schwierigen Stoffen hat. Sie wendet sich Schicksalen im Nationalsozialismus zu, aber auch der Ausgrenzung von Migranten im Hier und Heute oder dem Thema Vergewaltigung. Aus ihrer Hellersdorfer Stadtschreiberzeit sind Protokolle über das Jugendleben in dem Berliner Kiez überliefert. Sie tragen den vielsagenden Titel "Horror oder Heimat?". Anja Tuckermann schreibt Romane, Erzählungen, Hörbücher, Texte für Bilderbücher und Musik, Theaterstücke und Drehbücher zu Filmen. Sie beschreibt sich selbst als "neugierig" und das sei sie auch auf Magdeburg.

Die Wohnung, die sie hier beziehen wird, hat sie sich schon angesehen. Sie beerbt ihren Amtsvorgänger Bernd Wagner um seinen Sitz unterm Dach eines "Stalinbaus" an der Ernst-Reuter-Allee und sagt: "Das ist doch wunderbar zentral." Die von Einkaufszentren gesäumte Lage sei ihr atmosphärisch zumindest alles andere als fremd.