Magdeburg l Es gibt Tage, zu denen die Menschen auch Jahre danach noch wissen, wie sie diese verbracht haben. Das sind sozusagen die Landmarken im Meer der Zeit. Ich glaube, mit dem 24. Oktober vergangenen Jahres haben wir einen solchen Tag, der für viele Magdeburger auf Dauer in Erinnerung bleiben wird. Denn an diesem Tag ist eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft worden, die zuvor bei Sucharbeiten unweit der Einmündung der Maybachstraße auf die Ringauffahrt am Damaschkeplatz gefunden worden war. Weite Teile der Altstadt und des östlichen Stadtfelds mussten für diesen Abend evakuiert werden.

Ab den Nachmittagsstunden haben sich Büros und Geschäfte, Wohnungen und soziale Einrichtungen geleert und die Menschen verbrachten den Rest des Tages in sicherer Entfernung. Mir wird beispielsweise in Erinnerung bleiben, wie ich gemeinsam mit anderen Journalistenkollegen und dem Pressesprecher des Technischen Polizeiamts am Ulrichplatz auf die neuesten Nachrichten und auf die Entwarnung gewartet habe. Und zwar in sicherer Entfernung, außerhalb jenes Umkreises, bei dem im Falle einer Explosion Splitter niedergegangen wären.


Den denkbar unsichersten Platz hatten an diesem Tag Torsten Kresse und Olaf Machnik. Sie sind Fachleute des Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Sachsen-Anhalt, und sie haben die beiden Zünder von der Fliegerbombe entfernt. Eine Arbeit, die - wie es damals hieß - bei einem der Zünder kein einfaches Unterfangen war. Und eine Arbeit, die bei einer falschen Bewegung den Tod bedeuten kann. Dies ist den beiden bewusst - ebenso wie ihren Familien. Ich möchte also meinen, dass die Anerkennung seitens der Leserinnen und Leser der Volksstimme für den Einsatz der beiden auch ein Stück weit den Familien zusteht. Sind sie es doch auch, die beim Einsatz der Kampfmittelbeseitiger mitzittern wie wohl kein anderer Mensch in der Stadt.

Dass das Entschärfen von Bomben eine Aufgabe ist, bei der die Akteure ihr Leben für die Sicherheit der anderen Menschen aufs Spiel setzen, beweisen zwei Ereignisse: Zum einen Anfang des noch jungen Jahres: Eine Bombe, die nicht entschärft worden war, explodierte im nordrhein-westfälischen Euskirchen. Die Folge waren nicht allein enorme Schäden in der Umgebung, die Folge war vor allem der Tod eines Arbeiters, der wohl mit seinem Bagger die Bombe berührt hatte. Dieses Unglück zeigt uns: Ohne die Arbeit der Kampfmittelbeseitiger wie Torsten Kresse und Olaf Machnik lauert auch fast sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Tod im Erdreich.

Und auf ein zweites Ereignis möchte ich Sie, sehr geehrte Damen und Herren, hinweisen, wenn es um die besonderen Gefahren geht, die die Arbeit als Bombenentschärfer mit sich bringt. Im Jahr 2010 ist in Göttingen die Arbeit an einem Blindgänger misslungen. Auch hier detonierte die Bombe unkontrolliert, und drei Menschen - in diesem Fall vom hessischen Kampfmittelbeseitigungsdienst - kamen ums Leben. Hier wird deutlich: Auch bei der größten Vorsicht und jahrelanger Routine - ein Restrisiko bleibt. Eines, wie es so viele gibt im Leben - mit dem Unterschied, dass dieses das Leben kosten kann.

Das Risiko ist den Mitarbeitern des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bekannt - und trotzdem verrichten sie zuverlässig ihre Arbeit, sind zur Stelle, wenn man sie braucht. Dies loben die Menschen aus ihrem Umfeld ebenso wie die Bescheidenheit und Ruhe, mit der die beiden ihren Dienst tun. Als ich die beiden während unseres Gesprächs im vergangenen Jahr gefragt habe, ob man denn voller Mut in den Augen schon in der Schule verkündet: Ich werde Bombenentschärfer, da offenbarte die Antwort genau diese Bescheidenheit. Eine Art Schulterzucken war das. Man sei da eben so reingerutscht, nachdem der eine der Geehrten um die Wendezeit nicht mehr Wasserbauer, der andere nicht mehr Kfz-Schlosser sein wollte. Und erst mit Qualifizierungen im Laufe der Jahre ist es dann eines Tages so weit gewesen, dass es nicht mehr um die Suche nach alter Munition ging, sondern um die Entschärfung der gefährlichsten Fundstücke.

Selbst wenn nahezu täglich in Sachsen-Anhalt Bomben oder Munition gefunden werden und unschädlich gemacht werden müssen - das Wissen der Sprengstoffexperten ist nicht allein in diesen brenzligen Situationen gefragt. Torsten Kresse, Olaf Machnik und die anderen Kollegen beurteilen, an welchen Stellen nach Bomben oder Munition gesucht werden muss. Auch wenn sich dies nach einem einfachen Schreibtischjob anhört - auch hier geht es um Leben und Tod. Das bereits erwähnte Unglück in Euskirchen ist bester Beweis, wozu unentdeckte Blindgänger führen können.

Am kommenden Donnerstag, meine sehr verehrten Damen und Herren, erinnert Magdeburg an den verheerendsten Bombenangriff, der am 16. Januar 1945 große Teile der heutigen Landeshauptstadt zerstört und den Zweiten Weltkrieg ins Herz Deutschlands zurückgebracht hat. Die Magdeburger haben in den vergangenen Jahrzehnten eine großartige Aufräumarbeit und einen ebensolchen Wiederaufbau geleistet. Und doch wird die Bombe vom Damaschkeplatz nicht die letzte gewesen sein, die noch im Untergrund der Stadt lauert. Experten gehen davon aus, dass 15 Prozent der Bomben mit einem Gewicht von rund 10 000 Tonnen, die über Magdeburg abgeworfen worden sind, nicht explodiert sind.

Selbst wenn eine ganze Reihe der Blindgänger in den vergangenen Jahren gefunden wurde und ein anderer Teil nicht mehr gefährlich ist - auch in den kommenden Jahren werden daher die Bombenentschärfer wieder und wieder in Magdeburg ausrücken müssen, wenn Funde beim Straßen- und Kanalbau oder bei der Vorbereitung von Fundamenten untersucht und entschärft oder gesprengt werden müssen.

Wie sehr die Blindgänger auch nach Jahrzehnten des Friedens für Unruhe sorgen können, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Nürnberg: Im Dezember waren dort wegen einer Bombenentschärfung große Teile der Innenstadt evakuiert worden - und auch heute wieder legte eine Fliegerbombe Teile der fränkischen Metropole lahm. Gerade erst mussten 8400 Menschen einen gefährdeten Bereich verlassen, damit die Bombenentschärfer in den Mittagsstunden ihre Arbeit verrichten konnten.

Ich denke, dass es im Sinne aller Magdeburgerinnen und Magdeburger ist, wenn ich angesichts der Gefahren durch Fundmunition und Blindgänger Torsten Kresse und Olaf Machnik auch weiterhin immer das richtige Gespür, einen kühlen Kopf und eine ruhige Hand bei der Arbeit wünsche.

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