Magdeburg l Schwerstarbeit bei eisiger Kälte unterhalb der Minus-30-Grad-Marke im Winter und im Sommer in den Wolken aus Myriaden von Mücken, unzureichende Kleidung und Ernährung, Misshandlung durch Personal, aber auch durch Mitgefangene, der Tod von Kameraden - dies war der Alltag in unzähligen Straflagern, die in Sibirien insbesondere in der Zeit Stalins errichtet wurden. Sinnbildlich für dieses Lagersystem steht bis heute der Name Workuta. Über das dortige Arbeitslager am nördlichen Polarkreis berichtet derzeit eine Wanderausstellung unter dem Titel "Workuta - Geschichte eines sowjetischen Straflagers" in der Gedenkstätte des ehemaligen Stasigefängnisses in der Umfassungsstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zum Moritzplatz.

Bettina Wernowsky ist Sprecherin des Bürgerkomitees Sachsen-Anhalt, das in der Gedenkstätte sein Dokumentationszentrum betreibt und die Ausstellung nach Magdeburg geholt hat. Sie berichtet, dass der Verein bei der Entscheidung, den Film "Wir waren schon halbe Russen" zu zeigen - siehe Infokasten -, auf die Wanderausstellung gestoßen sei. Diese war vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge erarbeitet worden.

Gezeigt werden die Tafeln in einem Ausstellungsraum des Hauptgebäudes, und abseits der abstrakten Zahlen - in manchen Zeiten mehr als 70 000 Inhaftierte, insgesamt 1 Million Workuta-Häftlinge und 250 000 Tote - stehen die Geschichten Einzelner im Vordergrund. Bettina Wernowsky: "Es sind diese Geschichten der Menschen, die nach Sibirien verschleppt wurden, die wirklich erschüttern." Zu sehen sind in der aktuellen Ausstellung die Bilder und kurze Informationen zu Jugendlichen, die dem System zum Opfer fielen, ebenso wie Zeichnungen und Malereien über das Lagerleben oder die Erinnerung an den in Workuta inhaftierten Schriftsteller Horst Bienek.

Selbst wenn Workuta wie viele andere unter Stalin errichteten Lager in der Sowjetunion bereits vor einem halben Jahrhundert geschlossen wurden - aufgearbeitet sei die Geschichte angesichts dessen, dass das Thema bis zum Ende der DDR mit einem Tabu belegt war, längst noch nicht.

Die Mitarbeiterin des Bürgerkomitees sagt: "Vor diesem Hintergrund sind wir natürlich sehr an Zeitzeugenberichten auch von Menschen aus Magdeburg und Umgebung interessiert, um die Erinnerung an diese Zeit und die Schicksale der Menschen abseits der ohnehin spärlichen offiziellen Dokumente fassbar zu machen und zu erhalten."

Wie unvollständig die Dokumente über das Arbeitslager sind, mag die Tatsache belegen, dass nicht einmal geklärt ist, bis wann es betrieben wurde. Die Wissenschaft geht davon aus, dass das 1938 eröffnete Lager bis in die 1960er Jahre bestanden hat. Bettina Wernowsky: "Um sich einmal die Dimensionen klarzumachen: Man sagt, dass allein unter jeder Schwelle der im Norden Sibiriens zum Teil fertiggestellten Eisenbahnstrecke zwei Menschen liegen."

Wie wertvoll Zeitzeugen sind, zeigt das Beispiel der Reise von Edda Ahrberg: Sie hatte mit Überlebenden der sibirischen Lager eine Reise zu deren Leidensorten unternommen, dokumentiert worden war dieses von einem Fernseh-Team.

Zur gut besuchten Ausstellungseröffnung hatte sie in einem Vortrag von dieser Reise berichtet.

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