Magdeburg l Der Zauberball von Schoppelwolle. "Ist das Misch- oder Schurwolle?" "Einhundert Prozent Schurwolle, Merino mit extra langen Farbverläufen." "Und mit welcher Nadel arbeiten Sie?" "Drei Millimeter." So oder so ähnlich verliefen wohl viele Gespräche auf der Kreativmesse. Doch dieses war besonders. Derjenige, der von Kurzwarenhändlerin Annett Pietzsch alles über Qualität, Muster und Maße wissen wollte, war ein Mann.

"Ja, mein Freund und ich sitzen abends zusammen auf der Couch und stricken."
- Cornelia Ribbentrop

Sven Schumann aus Schönebeck war einer von Hunderten Besuchern, die neue Materialien und Ideen für Mützen, Schals und Co. suchten. Seit nunmehr zwei Jahren strickt, filzt und häkelt der 43-Jährige so oft es geht. Eine persönliche Krise habe ihn dazu gebracht. Um zu zeigen, dass Stricken nicht nur etwas für Frauen ist, hat er sogar einen Blog veröffentlicht (www.duffte.de), in dem er stolz seine Arbeit präsentiert. Von seiner Freundin Cornelia Ribbentrop - natürlich selbst strickbegeistert - hat er dafür die volle Unterstützung. "Ja, mein Freund und ich sitzen abends zusammen auf der Couch und stricken. Ich weiß, dass das sicher ein witziges Bild abgibt, aber es ist toll", sagt sie.

"Handarbeit ist Trend - bei Männern und Frauen, bei jung und alt", weiß Janine Sandig. Die Veranstalterin der DaWanda-Messe beobachtet seit einiger Zeit, dass das Interesse an handgefertigten Produkten immer größer wird. Über den großen Zuspruch der Magdeburger und ihrer Gäste freute sich die 42-Jährige besonders. Dicht an dicht drängten sich nicht nur die 120 Händler in den Messehallen, sondern auch die Besucher. Bisweilen bildete sich eine 30 Meter lange Schlange vor dem Messegelände.

"Handarbeit hat sein angestaubtes Image verloren", glaubt sie. Und dass die Messe so gut besucht sei, führe sie auch auf das Fehlen des Riech- und Fühlerlebnisses im Internet zurück. "DaWanda ist an sich eine tolle Sache. Allerdings möchten die Menschen die Sachen gern in den Händen halten, fühlen und mal daran riechen. Außerdem ist die Generation meiner Eltern nicht im Internet vertreten."

Dass das Fühlen und Riechen zum Kaufen animiert, war besonders am Stand von Erika Koopmann zu beobachten. Kaum ein Besucher, der ihre selbst gemachte Seife nicht in die Hand nahm und daran roch. "Das kann das Internet nicht leisten", meint die Greizerin. Ihr Geschäft lief so gut, dass ihr bereits am Sonnabend bange war, Sonntag keine Ware mehr zu haben.

"Die Leute möchten die Sachen in den Händen halten, fühlen und dran riechen. Das können sie im Internet nicht." - Janine Sandig, Veranstalterin

Und auch Stefanie Liehmann kauften die Besucher den Stand beinah leer. Die junge Frau aus Wernigerode hatte mit ihrer Mutter Kornelia Probst besonders dicke, fast schon lederartige Textil-Garne im Angebot. Unzählige Male sind die dicken Knäuel von den Besuchern in die Hand genommen worden.

Renate Schulz aus der Nähe von Salzwedel überzeugte das sofort. "Ich hatte eigentlich gar nicht vor, Wolle zu kaufen. Aber die fühlt sich einfach toll an", verrät sie und weiß auch schon, was sie davon stricken wolle: "Ich habe dort eine Schale gesehen. Und da es das Strickmuster gleich dazu gab, hab ich zugegriffen." Und genau so funktioniere es auch am besten, weiß Kornelia Probst: "Man zeigt den Leuten fertige Produkte, zeigt was man aus den Materialien machen kann. Und wenn sie noch eine Anleitung dazu bekommen, kaufen sie in der Regel auch."

"Man zeigt fertige Produkte, zeigt was man aus den Materialien machen kann. Und wenn sie noch eine Anleitung dazu bekommen, kaufen sie in der Regel auch."
- Kornelia Probst, Glas-In-Shop

Das Prinzip funktionierte. Katja Francke beispielsweise war mit ihrer Mutti Bianka Nettlich auf der Messe. Klar hatten sie vor, hier und da etwas Kleines mitzunehmen - für Mutti Stoff und Wolle, für die Tochter Bastelutensilien. Dabei den dreijährigen Enkel Felix immer im Blick. Doch dass sie schon nach kurzer Zeit zwei große Tüten voll haben, aber noch lange nicht überall waren, sei so nicht geplant gewesen. "Man sieht einfach so viele schöne Sachen zum Selbermachen, Nachmachen oder einfach zum Mitnehmen", sagt Bianka Nettlich, sich fast schon entschuldigend. Dabei ging es vermutlich vielen Besuchern so. Nur wenige dürften ohne "Mitbringsel" die Messehallen verlassen haben.

   

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