Drehbuch-Oscar
Seit 1929 wird der Oscar in der Kategorie "Bestes Drehbuch nach einer Vorlage" verliehen. 1941 kam die Kategorie "Bestes Originaldrehbuch" hinzu. Hanns Kräly gewann 1930 für den Film "Der Patriot". Außer ihm gewann nur der Deutsche Heinz Herald (1938, Das Leben des Emile Zola) in einer dieser Kategorien. Einschließlich aller Kategorien (auch Technik und Studentenoscar) gewannen bislang 42 Deutsche einen Oscar.
Neben Hanns Kräly gewannen viele Prominente den Preis für das beste Drehbuch:
George Bernard Shaw (1939, "Der Roman eines Blumenmädchens")
Sidney Howard (1940, "Vom Winde verweht")
Billy Wilder (1946, "Das verlorene Wochenende")
Francis Ford Coppola (1973, "Der Pate")
Woody Allen (1978, "Der Stadtneurotiker")
Oliver Stone (1979, "12 Uhr nachts")
Quentin Tarantino (1995, "Pulp Fiction")
Ben Affleck, Matt Damon (1998, "Good Will Hunting")
John Irving (2000, "Gottes Werk und Teufels Beitrag")
Ethan und Joel Coen (2008, "No country for old men")

Magdeburg l Mit dem Regisseur Ernst Lubitsch bildete er ein geniales Duo in Hollywood. Doch der Tonfilm beendete die Karriere Hanns Krälys und sein Werk geriet in Vergessenheit.

Auf den ersten Blick erscheint das Leben des Hanns Kräly wie aus einem Hollywoodfilm. Der Aufstieg eines kleinen Provinzschauspielers in Stendal zum gefeierten Oscargewinner. Es geht um Ruhm, Liebe und Eifersucht. Doch etwas ganz Entscheidendes fehlte dem wahren Leben Krälys, was keinem Hollywoodfilm fehlen darf: das Happy-End.

Das wahre Leben des Hanns Iwan Jean Kräly begann am 16. Juni 1884 in Hamburg. Über die Kindheit und Jugend Krälys ist so gut wie nichts bekannt. Ein Problem, das auch für die späteren Jahre seines Lebens und Wirkens gilt, obwohl er bis heute einer der wenigen deutschen Hollywoodstars und Oscarpreisträger ist. Es existieren keine persönlichen Aufzeichnungen, keine Biografie und nur eine geringe Anzahl an Fotos. Die Person Hanns Kräly ist ein weißer Fleck in der deutschen Filmgeschichte. So kann man sich ihm nur über Umwege nähern, durch Archivbestände, Zeitungsartikel und öffentliche Aufzeichnungen.

Die Nähe zum Schauspiel und Theater ist Hanns Kräly offenbar in die Wiege gelegt. Schon sein Vater war als Schauspieler gemeldet. Ob der junge Hanns eine Ausbildung machte, aus einem gebildeten Elternhaus stammte oder in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, bleibt im Dunkeln.

Erstmals tauchte Hanns Kräly 1903 in Stendal auf. Für den 19-jährigen Hanns Kräly muss es sich wie eine Reise in die Provinz angefühlt haben. Immerhin hatte seine Heimatstadt Hamburg damals schon 750000 Einwohner, Stendal 23000.

Das Stadttheater Stendal gehörte dem Gastwirt Udo Hartjes und seiner Frau. In ihrem Gasthof im Zentrum der Stadt hatte die Familie Hartje schon 1866 einen Saal eingerichtet, in dem regelmäßig gut besuchte Vorführungen stattfanden. Immer wieder kamen auch fremde Theatergruppen zum Gastspiel, zum Beispiel vom Deutschen Theater Berlin, der Komischen Oper oder vom Stadttheater Königsberg.

Kräly gehörte als "Jean Kräly" zum Opern-Ensemble des Theaters und sang Bass. Eingesetzt wurde der Nachwuchsschauspieler für Rollen von "Liebhabern und jungen Romantikern". So beschrieb es jedenfalls der "Neue Theater-Almanach 1903".

Ganz offensichtlich machte der junge Nachwuchsdarsteller seine Sache gut. Zum Ausklang der Spielzeit wurde die Operette "Der Mikado" von Arthur Sullivan und William Schwenck Gilbert gezeigt. Das "Stendaler Amts- und Intelligenzblatt" zeigte sich am 15. April 1904 voll des Lobes: "Ein prächtiger Oberscharfrichter, \'der jedoch kein Blut sehen kann`, war Herr Jean Kräly. Das Lied von der Bachstelze gelang ihm so vortrefflich, daß laute Beifallsstürme ihm zuteil wurden."

Schon nach einer Spielzeit aber verließ Kräly Stendal. Der Beruf des Schauspielers bedeutete damals für viele ein Nomadenleben. Er heuerte im ostpreußischen Elbing an, ehe er 1905 nur etwas südlich von Stendal eine neue Heimat fand: in Magdeburg.

Das Wilhelm-Theater engagierte den 21-Jährigen, der sich nun auch offiziell Hanns Kräly nannte. Aus alten Adressbüchern der Landeshauptstadt geht hervor, dass Kräly ein Zimmer oder eine Wohnung in der Johannisbergstraße bewohnte. Direkt im Stadtzentrum, in Laufweite und zur Elbe, der Johanniskirche und - noch wichtiger - dem Wilhelm-Theater, mit 1100 Sitzplätzen die kleinste städtische Spielstätte nach dem Victoria-Theater und dem Stadttheater.

Dort, wo damals große Stadthäuser standen, befindet sich heute ein schmuckloser Parkplatz. Die Gebäude wurden vermutlich im Weltkrieg zerstört. Wie auch viele Aufzeichnungen und Originalmaterialien der Theater.

Doch auch in Magdeburg blieb es für Kräly bei einem kurzen Gastspiel. Das harte Leben eines wandernden Theaterschauspielers führte ihn in den folgenden Jahren weiter nach Guben und Kaiserslautern. 1909 erreichte er schließlich Berlin, das für einen jungen Schauspieler noch ganze andere Verdienstmöglichkeiten bot als das Theater.

Von vielen Zeitgenossen beschimpft, aber vom Kaiser gefördert, gewann der Film immer mehr an Bedeutung. Schnell weckte auch der großgewachsene junge Hanns Kräly mit seinem markanten Gesicht das Interesse von Produzenten und Regisseuren. 1914 spielte er gar an der Seite des größten Stummfilmstars Asta Nielsen in der Komödie "Engelein". Doch zu diesem Zeitpunkt hatte er seine eigentliche Leidenschaft schon entdeckt. Kräly schrieb lieber Drehbücher, als selbst aufzutreten. Die ersten Werke waren vielfach Überarbeitungen anderer Autoren oder Adaptionen von Romanen.

Die entscheidende Wende im Leben des Hanns Kräly brachte die Begegnung mit Ernst Lubitsch. Lubitsch, acht Jahre jünger als Kräly und unzufrieden mit seinen Rollenangeboten, wollte selbst Filme drehen. Die Bücher dazu lieferte Hanns Kräly. Ihre erste gemeinsame Produktion wurde 1916 eine Komödie mit dem schönen Titel "Schuhpalast Pinkus". In den folgenden 13 Jahren drehten Lubitsch und Kräly 29 gemeinsame Filme.

Doch den Ruhm erntete nur Lubitsch. Schon bald wurde er neben Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau zu dem prägenden Filmemacher der Weimarer Republik. "Lubitsch Touch" nennen die Amerikaner seinen Stil bis heute voller Hochachtung. Doch die vielen gemeinsamen Filme belegen, dass Lubitsch ohne Kräly undenkbar wäre.

Der Erfolg seiner Filme machte schließlich Hollywood aufmerksam. Und Lubitsch konnte der Versuchung des Neuen nicht widerstehen. 1922 verlässt er Deutschland für immer. Doch einer durfte nicht fehlen: Hanns Kräly. 1923 holte Lubitsch seinen Filmpartner nach Amerika, der fortan Hans Kraly hieß. Und der Erfolg aus Deutschland setzte sich auch in der neuen Heimat fort.

Krälys Drehbücher und Lubitsch` Filme prägten den Stil des frühen Hollywoods. Junge Regisseure wie Billy Wilder nahmen ihn als Vorbild. 1928 brachten Lubitsch und Kräly den Film "The Patriot" (dt. Der Patriot) heraus. Der Film erzählt die Geschichte des russischen Zaren Paul I. "Eine herzergreifende Geschichte über einen Mann, der seinen besten Freund versklavte. Um eine Nation zu retten", wie der Verleih damals schrieb. Ein dritter deutscher Star übernahm die Hauptrolle: Emil Jannings spielte den Zaren. Der Film wurde in den USA vermarktet als: "Die größte filmische Leistung aller Zeiten!"

Es passt zum verborgenen Leben Hanns Krälys, dass dieser Film heute als verschollen gilt. Lediglich wenige Minuten sind erhalten. Doch schon ein Blick in diese Szenen zeigt, mit welchem enormen Aufwand dieser Historienfilm gedreht wurde. Riesige Kulissen, aufwändige Kostüme und moderne Kameraeinstellungen. Es war ein Triumph für das Duo Lubitsch/Kräly.

In fünf Kategorien wurde der Film für den Oscar nominiert. Unter anderem für die beste Regie und das beste Buch. Hanns Kräly gewinnt als einziger den wichtigsten Filmpreis der Welt. Der kleine Theaterschauspieler, der in einem Stendaler Gasthaus als Operettensänger begann, war nun der beste Drehbuchautor Hollywoods. Angeblich kassierte Kräly damals pro Film bis zu 50000 US-Dollar. Das wären heute etwa eine halbe Million Euro.

Kräly nahm nun auch die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Doch das Jahr seines größten Triumphes sollte auch das Jahr des Bruchs werden. Offensichtlich hatte Hanns Kräly nicht nur zu Ernst Lubitsch ein sehr enges Verhältnis, in dessen Haus er ein- und ausging, sondern auch zu dessen Frau Helene. Im Mai 1930, also nur wenige Tage nach der Oscarverleihung, hatte Lubitsch von dem Verhältnis erfahren und ihn bei einer Party öffentlich geohrfeigt.

Lubitsch ließ sich von Helene scheiden, mit Hanns Kräly sprach er bis zu seinem frühen Tod 1947 kein Wort mehr. Auch die Affäre zwischen Kräly und Helene Lubitsch war beendet. Kräly schrieb dennoch weiter Drehbücher und wurde 1938 für die Vorlage zum Film "One hundred man and a girl" ("100 Mann und ein Mädchen)" erneut für den Oscar nominiert. Doch die Karriere geriet ins Stocken.

In den Unterlagen zur Volkszählung 1940 wurde Hanns Kräly mit Wohnsitz in Hollywood geführt. Verheiratet war er zu dem Zeitpunkt mit der 17 Jahre jüngeren Gwendolyn Kraly. Aber die Zeiten des frühen Hollywoods sind vorbei.

In Europa wütet der Krieg gegen Nazi-Deutschland und im Film setzt sich der Ton durch. Für Krälys Karriere das Ende. Seine ganz großen Erfolge waren Stummfilme. Vermutlich war letztlich sein Englisch zu schlecht, um mit amerikanischen Autoren konkurrieren zu können. 1942 schrieb Kräly das letzte Buch für einen Film, den Horrorstreifen "The mad ghoul" ("Der wahnsinnige Ghoul").

Am 10. November 1950 starb Kräly mit 66 Jahren, wie das Sterberegister des Staates Kalifornien verzeichnet. Letzte bekannte Tätigkeit: Hausmeister.

   

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