Magdeburg l "Wir werden, weil wir uns einem Heimneubau verweigern, nicht die Welt in Magdeburg retten", traf der Sozialbeigeordnete Hans-Werner Brüning (Linke) im Laufe der Grundsatzdebatte im Stadtrat den Nagel so ziemlich auf den Kopf, zog damit allerdings viel Unmut gerade im parteieigenen Lager auf sich. Linke-Fraktionsvize Oliver Müller mochte die hohe Nachfrage nach Heimplätzen in Magdeburg nicht in Abrede stellen, erachtet als Grund dafür aber auch einen Mangel an alternativen Angeboten: teilambulante Betreuung, Senioren-Wohngemeinschaften, begleitetes oder betreutes Wohnen. "Mag sein, dass Heimplätze am wirtschaftlichsten sind, aber gerade die Stadt muss auch für die sorgen, die eben nicht in ein Heim wollen."

Ins gleiche Horn stieß emotionsgeladen der erst eben in den Rat zurückgekehrte Grüne Alfred Westphal. Der 73-Jährige, seit Jahren im Seniorenbeirat aktiv, mag sich kaum einen Lebensabend auf der Heimstation vorstellen und verwies darauf, dass Magdeburg im Lande bereits die höchste Einweisungsquote alter Menschen in Heime aufweise. 2011 (letzte verfügbare Erhebung) wurden 42,3 Prozent der pflegebedürftigen Magdeburger (2842 Frauen und Männer) stationär betreut. "Im Beirat haben wir uns alle erst einmal erschrocken angeguckt: Was? Noch mehr Heime?" Westphal verwies auf die seniorenpolitischen Leitlinien der Stadt und darauf, dass sie "ambulant vor stationär" diktierten. Realität sei dagegen ein Mangel an altengerechten Wohnungen und Hilfsangeboten für alte Menschen, einen Lebensabend in den eigenen vier Wänden bewerkstelligen zu können.

Brüning bestritt den Mangel an alternativen Angeboten zum Heim nicht, machte aber wenig Hoffnung darauf, dass allein die Stadt das Problem in absehbarer Zeit lösen könnte. Vielmehr seien manche Angehörige heute den Tränen nahe, das berichtete die Linke Monika Zimmer aus eigener Beobachtung, weil sie für ihre Nächsten keinen Heimplatz in der Nähe finden können und aufs Umland ausweichen müssten: "Ambulant vor stationär ist gut und schön, aber auch ein bisschen graue Theorie."

Die Fraktionen CDU/FDP/BfM und die Sozialdemokraten hatten sich mit den beiden geplanten Heimneubauten der städtischen Wohnen und Pflegen gGmbH derweil längst angefreundet. SPD-Fraktionschef Jens Rösler: "Das ist eine Frage der Daseinsfürsorge. Die Stadt muss gute und bezahlbare Pflegeplätze sichern. Und es ist gut, wenn die Stadt einen Teil des Marktes in der eigenen Hand hat und Qualitätsmaßstäbe setzen kann." Wigbert Schwenke, Fraktionsvorsitzender unter CDU-Flagge, räumte Differenzen in der eigenen Fraktion ein. Einzelne Mitglieder ziehen Heimneubauten in privater Regie dem städtischen Engagement vor. Die Mehrheit der Fraktion plädiert im Sinne der Wirtschaftlichkeit des städtischen Heimbetriebs aber für die Neubauten unter dessen Führung.

Am Ende waren die kommunalen Neubauten beschlossene Sache. Die beiden neuen Heime (jeweils für 80 bis 100 Bewohner) sollen in Reform und Salbke entstehen.