Magdeburg l Mehr als 40 Jahre beschäftigte sich der Magdeburger Lothar Schirmer mit Verbrechern. Landauf, landab klärt der pensionierte Kriminalrat noch immer über die Maschen der Trickbetrüger auf. Auf dem Weg zu einem Vortrag wäre er gestern zum ersten Mal beinahe selbst Opfer eines Verbrechers geworden. Doch Schirmer drehte den Spieß kurzerhand um.

Die Situation hätte für Kriminalrat a. D. Lothar Schirmer nicht typischer sein können. Als er gestern Mittag das Café an der Olvenstedter Straße verlässt, spricht ihn ein Mann an. Er habe einen Ring gefunden und ob das gute Stück ihm gehöre, will der Unbekannte wissen. "Ich dachte mir nur: Endlich passiert mir das einmal", sagt Schirmer. Denn: Genau über diese Ring-Masche hat der Kriminalrat schon Dutzende Vorträge gehalten. Um genau zu sein, ist Schirmer auch an diesem Tag auf dem Weg zu einem Vortrag. Titel der Veranstaltung im Wahlkreisbüro von Wulf Gallert (Linke): "Die Tricks der Gauner und Ganoven."

Schirmer erkennt die Situation sofort und spielt das Spiel mit. Er gibt vor, dass ihm gar nicht aufgefallen sei, dass er einen Goldring verloren habe, er aber seine Frau anrufen wolle, um sich zu erkundigen, ob sie vielleicht einen Ring vermisse. Tatsächlich wählt Schirmer die 110 und gibt den Kollegen zu verstehen, dass er gerade einen "Typen mit dieser Ringmasche" an der Angel habe. Die Polizisten machen sich auf den Weg.

"Ich habe den Trickbetrüger so lang in ein Gespräch verwickelt", sagt Schirmer. Der Mann gibt an, aus Italien zu kommen. "Ich kann diesen Goldring als Ausländer nicht behalten. Sie könnten mir aber 20 Euro geben", sagt er. In Wirklichkeit ist der Ring nichts wert. Viele Opfer würden dennoch zahlen. Sei es aus Unsicherheit oder aus dem Glauben auf ein gutes Geschäft, wie Schirmer sagt. Manche werden - ohne, dass sie es merken - auch nebenbei bestohlen. "Dass der Trickbetrüger ausgerechnet mich ausgesucht hat, ist sein Pech", sagt Schirmer.

Doch nach wenigen Minuten Smalltalk scheint der Mann Lunte zu riechen und will türmen. Schirmer nimmt die Verfolgung auf und kann ihn bereits nach wenigen Metern stellen und ihn mit einem Polizeigriff festsetzen. "Obwohl ich seit vier Jahren nicht mehr im Dienst bin, hat das noch gut geklappt", sagt der 64-Jährige.

Kurz darauf treffen auch die Kollegen ein. Wie sich später herausstellt, war der Mann seit Wochen von der Hamburger Polizei zur Fahndung ausgeschrieben, kommt eigentlich aus Rumänien und soll schon mehrfach ähnliche Taten begangen haben. Bei der Durchsuchung finden die Beamten weitere Ringe.

Immer wieder war es in den vergangenen Tagen zu Trickbetrügereien in Magdeburg gekommen. In mehreren Mitteilungen warnten Polizei und Ordnungsamt vor Banden, die sich derzeit in der Stadt aufhielten. Zuletzt gab die Bundespolizei auf dem Hauptbahnhof ein Live-Seminar zum Thema Diebstahl und Betrug, da neben Senioren vor allem gestresste Reisende für geübte Diebe und Trickbetrüger leichte Beute seien.

"Ich kann nicht glauben, dass mir das ausgerechnet auf dem Weg zu einem Vortrag über Trickbetrüger passiert", sagt Schirmer, der durch seine monatlichen TV-Sendungen im Mitteldeutschen Rundfunk auch einem breiten Publikum außerhalb von Magdeburg bekannt sein dürfte. Er habe all die Jahre Verbrecher gejagt, Statistiken studiert und Seminare gegeben und nun das. Was andere schockiert, nennt er einen "Glücksfall" - aus kriminologischer Sicht, wie sich versteht.

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