Magdeburg l Kurz und heftig jault die Kettensäge auf - und schon nach wenigen Sekunden kippt an der Zollstraße vor dem Werder-Türmchen die nächste Linde um, Nummer sechs am Montagvormittag kurz nach 11 Uhr. Sofort sind drei Arbeiter zur Stelle und füttern den laut grummelnden Magen des Häckslers mit Baumstamm und Ästen. Auf der anderen Seite kommen die Holzspäne aus dem Rohr geschossen, landen auf der Ladefläche eines Lastwagens. Einige wirbeln vor blauem Himmel durch die klare Dezemberluft.

Ein dunkler Kombi hält an, heraus steigt ein Souvenirjäger. Der grauhaarige Mann schnappt sich flink ein an der Seite liegendes Stück Lindenholz. "Das nehme ich mir als Erinnerung mit", sagt er. Er sei gegen die Fällung gewesen. "Ich wohne selbst auf dem Werder, aber die Abholzung in der Größenordnung geht zu weit." Sagt`s und düst mit seinem hölzernen Andenken davon.

Kaum ein Thema wurde in den vergangenen Monaten so heftig und kontrovers diskutiert wie die Lindenfällungen auf dem Werder. Insgesamt 100 Bäume wird es in den nächsten Tagen treffen. Die zum Teil mehr als 100 Jahre alten Bäume der historischen Allee werden spätestens zum Weihnachtsfest verschwunden sein. Die Werderaner und ihre Gäste erwartet am Ufer der Stromelbe auf dem Weihnachtsspaziergang ein ungewohnter Anblick.

Für die Mitarbeiter der Gartenbaufirma ist der gestern begonnene Einsatz wegen der Vielzahl abzuholzender Linden auf einen Streich auch kein ganz alltäglicher. Doch sie sehen ihren Job emotionslos: "Über Sinn und Unsinn haben wir nicht zu entscheiden", sagt einer der Arbeiter mit der Kettensäge in der Hand und zuckt mit den Schultern. Nein, bisher habe auch noch kein Passant versucht, die umstrittenen Arbeiten zu stören.

Ein Werder-Bewohner bleibt mit seinem Enkel an der Hand vor der Absperrung stehen. Was denkt er über die Fällung der Lindenallee? "Das Wichtigste ist, dass wir hier auf dem Werder sicher wohnen können", sagt der Großvater, der seit elf Jahren auf der Elbinsel wohnt. "Dass die Bäume gefällt werden, ist zwar bedauerlich, aber uns wurde ja zugesagt, dass neue gepflanzt werden."

So sieht es auch René Stelzer vom Sprecherrat der Gemeinwesenarbeitsgruppe (GWA) Werder: "Es ist schade um die Bäume. Aber der Hochwasserschutz geht vor. So haben sich mehrheitlich auch die Anwohner in unseren GWA-Sitzungen positioniert", erklärt er. Dass gestern nun die Männer mit den Kettensägen anrückten, habe bei den Inselbewohnern nach Stelzers Beobachtung vielfach Erleichterung hervorgerufen: "Die Stimmung ist so, dass viele froh sind, dass es endlich losgeht mit dem Hochwasserschutz."

Ganz anders ist die Gefühlslage bei den Aktivisten für den Erhalt der Lindenallee. Sie hatten gefordert, Hochwasser- und Baumschutz auf einen Nenner zu bringen. "Wir haben gekämpft - es hat nichts genutzt", twitterte etwa Grünen-Stadtrat Timo Gedlich und postete mit "Mein Freund der Baum" den Trauergesang zur Lindenfällung. Fraktionskollege Sören Herbst machte seinem Frust ebenso bei Twitter Luft: "Auf dem Werder fallen ab sofort 100 Bäume Dumpfheit und blindem Fortschrittsglauben zum Opfer." Oberbürgermeister Lutz Trümper wies solcherlei Angriffe stets zurück. Fachlich mache es "keinen Sinn, anders vorzugehen", so der OB im Stadtrat: "Wir machen keine Schnellschüsse und sägen radikal irgendwelche Bäume ab. Das Entscheidende ist der Hochwasserschutz." So oder so: Auf dem Werder läuten 2014 Kettensägen eine eigentümliche Weihnachtszeit ein.